The beauty of dust


veröffentlicht 02. September. 2015

Der Dreck ist allgegenwärtig.

Es ist Lärm, es ist Gestank, es ist das Neonlicht gegen die Dunkelheit. Hier in Mandalay hat der Dreck sogar einen Geschmack, er passt zu der Stadt. In dem Moment, wo dich das goldene Licht der Shwedagon Pagode mit Ihrer Wärme durchflutet, wenn du die Augen schliesst, in diesem Moment kannst du den trockenen stumpfen Geschmack all des Drecks von Mandalay schmecken. Es ist Ying und Yang.

Der Dreck ist allgegenwärtig

Er kriecht in deine Nase, lässt die Nasenlöcher schwarz werden. Er vernebelt deinen Geruchssinn, aber der eiserne, russige Geschmack ist da. Selbst vertraute Gerüche aus Garküchen haben diesen Unterton. Er ist stumpf und nicht aufdringlich, aber er ist da. Und er begleitet dich. In jede Strasse.

Der Dreck ist allgegenwärtig

Er schaut dich an, als Nebelschwaden über der Stadt, wenn das Licht am Abend dunkelblauviolett wird. Im Gegenlicht der Scheinwerfer, wenn für einen kurzen Moment der Smog sichtbar wird. In der Rußfahne eines jeden Diesels, der neben dir unter einem Bleifuß aufheult und dem das Wort Katalysator wie Science Fiction vorkommt. Er ist auf der Strasse, die ungeteert seit Monaten auf Regen wartet und wo selbst Fahrradfahrer Staubwolken ziehen.

Der Dreck ist allgegenwärtig

Wenn in der Nacht das Licht aus grellem Neon und Scheinwerfern besteht. Wenn das Flackern der Leuchtreklame in den Augen schmerzt. Das Fernlicht entgegenkommender Autos Schemen von unbeleuchteten Rädern, Rikschas und Motorrädern vor dir auftauchen lässt. Wenn die Farbengewalt deinen Geschmackssinn für Farbzusammenstellungen weinen lässt.

Der Dreck ist allgegenwärtig

Der Lärm bringt dich nicht um, aber er macht dich verrückt. Das Stadtkonzert der Autohupen, die die unangefochtene Hauptrolle spielen und nie verstummen werden. Melodiöse, verzerrte Musikfetzen, aus den Lautsprechertürmen der Garküchen gepresst. Hoffnungslos übersteuert und ständig versuchend, einen Platz zwischen dem Hupkonzerten zu finden. Das Geschrei der Menschen, die in diesem Konzert als Mitspieler nur eine Chance haben, wenn sie lauter sind. In diesem Lärm gehst du unter.

Der Dreck ist allgegenwärtig

und über allem liegt die Wärme und Schwüle der Tiefebene von Mandalay.

 

Nach einem Tag in Mandalay hörst du nichts mehr, schmeckst den eisernen Russ und Asphalt. Du bist geblendet von der Sonne oder dem gleissenden Nachtlicht des Neons. Du hast keinen Schweiß mehr, den hat jetzt dein T-Shirt.

Hier leben Menschen – tagelang, wochenlang, monatelang. Ohne verrückt zu werden. Mit einer Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, die höchsten Respekt einfordert. Ohne ein Hotelzimmer, welches dir zumindest Linderung für die Nacht verspricht.

Es zählt zu einer Weisheit des Buddhismus, dass es für jedes Schöne auch einen Gegenpol geben muss. Um das Schöne so intensiv erleben zu können, ist auch das Unschöne zu erleben. Ich habe den Gegenpol zum goldenen Licht, der Ruhe und den harmonischen Glockenklängen und Gesängen in der Shwedagon Pagode gefunden.

Er heisst Mandalay bei Nacht und handelt von immerwährenden, allgegenwärtigen Dreck.

Und der Schönheit des Staubes.

 

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