Weiter nach Süden

veröffentlicht 21. Mrz. 2016

Am nächsten Morgen geht es weiter in den Süden nach Pangandaran. Fast erscheint dieser frühe Aufbruch wie eine Flucht, doch erklärt sich die schnelle Abreise mit einem Blick auf Jakarta und was diese Stadt sonst noch zu bieten hat. Nichts. Bei der Fahrt aus der Stadt gibt es die üblichen Erscheinungen urbanen Lebens. Verkehrsinfarkte und Hochhäuser. Um Ersteres abzumildern hat sich die indonesische Regierung eine Massnahme ausgedacht, die Geschäftsmodell für viele Einwohner Jakartas bietet. Einzelne Fahrspuren dürfen nur von Autos mit mindestens drei Personen an Bord befahren werden. Wie selbstverständlich steigen so Menschen in die Autos, um gegen ein kleines Entgelt mitzufahren. Dies geht zum Teil sogar über eine einfache Kreuzung. Nach Überquerung der Kreuzung steigen sie dann zehn Cent reicher wieder aus und überqueren die Strasse zu Fuß, um auf das nächste Auto zu warten. Das Verkehrsmodell mit den Fahrspuren für Autos mit mehreren Personen ist sicherlich nicht neu, das Geschäftsmodell des Mitfahrens war mir bislang unbekannt. Vielleicht würde dies auch in Deutschland Fahrgemeinschaften fördern?

Auch die Hochhäuser haben eine lustige Geschichte parat. Prangert doch, auch im Zuge der fortschreitenden Amerikanisierung geschuldet, der riesige Banner an einer Fensterfront, der uns den grossen „Immobilien-Deal“ verspricht: BUY ONE, GET ONE FREE.

Auf dem Weg in den Süden erwartet und das komplette Gegenteil zur Großstadt. Wir besuchen ein typisches Bauerndorf, in dem die Menschen noch vom Reisanbau leben und welches wohl auch vom Tourismus als „typisches Dorf“ empfunden wird. Unser überaus freundlicher und auskunftsfreudiger Guide führt also zwanzig Mitteleuropäer vorbei an Ziegenkäfigen, dessen Insassen durchaus nicht als freilaufend benannt werden dürften und erklärt uns erste Begrifflichkeiten zum Reisanbau. Die Einfachheit des Dorfes geht nahtlos in die Einfachheit der Häuser über. Wir werden eingeladen, sein Haus zu betreten. Die offene Kochstelle und die schlichten Räume entsprechen den Vorstellungen eines Westeuropäers des Lebens eines Reisbauerns. Aber in allem ist eines erkennbar: Sein Stolz in der Anspruchslosigkeit. Dies ist schon beeindruckend zu beobachten. Er erzählt vom Alltag in dem Dorf.

Sobald die Jungen das 12. Lebensjahr erreicht haben, schlafen sie nicht mehr im Elternhaus. Dazu gibt es im Dorf einen Schlafsaal für die Jungen, mit schweren Bambusstäben vor den Fenstern „gesichert“. Sobald das Jugendlichenalter erreicht wird, spätestens aber mit 17 Jahren, verlassen die Jungen das Dorf und kehren erst zum Tod der Eltern zurück, um das Haus der Eltern zu übernehmen. Somit wird Inzest innerhalb des Dorfes verhindert.

Auch in diesem Dorf begegnet uns eine Besonderheit, die uns während der ganzen Reise begegnen wird. Die Jugendlichen rufen die Namen deutscher Fussballer, die sie aufgeschnappt und vielleicht sogar mal gesehen haben. Sweinsteiger, Muller und Ballack klingt es über den Platz. Ab und zu ist auch ein Messi und sogar ein Runi (Rooney) dabei. Wobei bei letzterem die Diskussion entbrennt, ob dies ein Deutscher ist…

Wir fahren weiter in den Süden nach Pangandaran und kommen in die Dunkelheit. Die Strasse ist sehr kurvig und die Schönheit der Natur, die uns hier begegnet, werden wir erst beim Abschied erleben. Wir erreichen den Ort, der einer Halbinsel vorgelagert ist, in den späten Abendstunden.

Pangandaran hat eine äusserst günstige Lage. Zu beiden Seiten wird das Dorf vom Meer berührt. Von Strand zu Strand gelangt man so innerhalb von zehn Gehminuten. Die Ostküste dient dabei der Fischerei, wo hingegen die Westküste einen Badestrand beheimatet. Dieser ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen, sind doch unberechenbare Strömungen an der Tagesordnung. Jährlich passieren so einige Badeunfälle, wenn Touristen auf das offene Meer hinausgezogen werden. Weiter ist Pangandaran durch seine Lage besonders anfällig für Tsunamis. Warnschilder finden sich überall und Evakuierungszonen sind eingerichtet. 2006 traf der letzte schwere Tsunami den Ort. Zeitzeugen hierzu finden sich überall. Die Geschichten sind allgegenwärtig. Vieles ist noch nicht wieder aufgebaut.

Wir lernen Rudi, unseren Guide für den Tag kennen. Rudi ist Mitte vierzig, seine Augen schmelzen Steine. Sofort ist Vertrauen da. Unsere Planungen für den Tag sind nicht ausgeprägt, lediglich ein Abstecher zum Green Canyon soll dabei sein. Wir lassen uns zu dritt in einer Art Minibus nieder, mit einem hölzernen erigierten Penis als Schaltknüppel und diversen eindeutig zweideutigen Aufklebern. In dieses Gefährt würde wohl keine Frau alleine einsteigen. Die Fahrt führt über schlechte Strassen, die wir zur Überraschung unserer Führer mit den deutschen Strassenverhältnissen gut vergleichen können.

Unser erstes Ziel ist ein Dorf in der Nähe von Pangandaran. Hier wird Zucker aus Kokosnüssen gebrannt. Die Erläuterungen von Rudi und der Zuckerbrennerin sind mehr als interessant. Aus den Geschmacksproben lässt sich die Kokosherkunft ableiten. Wir lernen viel über die einfache Zuckergewinnung. Wenige Meter von der Brennerei treffen wir auf einen Marionettenschnitzer. Seine wahren Qualitäten offenbaren sich erst im „Marionettenlager“. Hunderte von Marionetten bilden ein wahres Eldorado für den Fotografen. Und der Marionettenschnitzer zeigt uns seine wahre Kunst. Mit nur zwei Händen führt er ein kurzes Stück auf. Seine Stimme bebt bei der männlichen, mächtigen Figur. Um nur eine Nuance später einen komplett anderen Charakter antworten zu lassen. Und dies mit einer solchen Durchdringung, Gestik und Mimik, die ihresgleichen sucht.

Kleinste Handbewegungen der Marionettenfiguren sind bis ins Detail erkennbar. Die Körperhaltung der Puppen sind bis ins Detail ausgeprägt. Man erkennt deutlich die Kunst, die in diesem Handwerk steckt. Zusätzlich muss man wissen, dass ein Schauspiel oft mehrere Stunden dauert, ein Marionettenspieler mehrere Charaktere spielt und spricht. Dies erfordert schon ziemliche Körperbeherrschung, Ausdauer und natürlich umfangreiches Geschichtswissen. Während seiner spielfreien Zeit fertigt der Spieler seine Figuren selbst an. Unter Umständen kann dies bis zu 150 Stunden pro Figur in Anspruch nehmen. Zusammengenommen ist hier von einem Aufwand und einer Leistung zu sprechen, die nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Meine Begleiter interessieren sich für mehrere Figuren, dadurch bekomme ich während der Wahl der Figur und dem Handel ausreichend Gelegenheit zum Fotografieren. Ein weiteres Merkmal wird schnell sichtbar. Viele Figuren sind von weisser Hautfarbe und haben eine längere Nase. Wir haben zuvor von unserer Reiseleiterin genau dieses Schönheitsideal in Südostasien erfahren. Langnasige, weisse Menschen. Dies geht zum Teil so weit, das indonesische Frauen sich die Haut bleichen, mit den entsprechenden Auswirkungen. Andersherum fehlt jegliches Verständnis für Touristen, die sich zum Bräunen in die Sonne legen.
Apropos Schönheitsideal: Während der Aufnahmen der Marionetten finden sich mehrere Kinder in dem Marionettenlager ein. Sie positionieren sich und meine Frage nach einem Foto findet Begeisterung. Die Kinder sitzen im Licht der Eingangstür, welches seitlich einfällt. Ich blicke durch den Sucher und weiss im selben Moment: Dieses Foto wird sich für den Rest des Urlaubs einbrennen. Drei Kinderportraits, in seitlichen weichen Licht getaucht, mit einem Blick, der das Wesen von Südostasien einfängt. Ich drücke auf den Auslöser und weiss auf Anhieb, was ich erhalte. Neugier, gepaart mit einer Schönheit, Lebendigkeit und Reinheit dieses Volkes, welches nahezu jeden Mitteleuropäer hässlich erscheinen lässt. In ihren Augen findet sich eine Ehrlichkeit, Durchdringung und Unschuld, die mich beim Blick durch den Sucher nachdenklich werden lässt. Auf einmal erscheinen mir viele Dinge, die ich vorher als schön erachtet habe, gegen diesen Ausdruck nur noch zweitrangig. Wenn ich nur diesen Blick festhalten kann.

Dieses Foto halte ich für eines der besten, welches ich jemals gemacht habe. Ohne jegliche Choreografie, technische Einstellerei und Bildkomposition zeigt sich das Wesentliche. Es ist kein Schnappschuss, es ist nicht gestellt. Natürlichkeit pur. Ich bin nicht beeindruckt von den technischen Feinheiten dieses Bildes, ich bin beeindruckt von der Situation, der Natürlichkeit und der Schönheit dieses Moments. Ich beginne, die Menschen dieses Landes zu schätzen und möchte gerne mehr von ihrem Leben verstehen. Ich bin so überwältigt von dem, was ich durch den Sucher sehe, dass ich nur zwei Fotos mache. Warum sind magische Momente nur so kurz?

Wir lösen uns von den Marionetten und machen uns auf dem Weg zum Green Canyon. Auf der Fahrt überrascht uns Rudi mit Fragen, die wir nur sehr gut bekannten Menschen stellen würden. Es sind Fragen zu seiner fast volljährigen Stieftochter und einem Vergleich zu unserer Kultur. Aber die Direktheit und die Offenheit der Fragen lassen uns zunächst erstmal schlucken, um dann Antworten zu finden. Ich weiß nicht, ob unsere Antworten ausreichend sind, so ob Rudi etwas davon beherzigt, bzw. versteht. In diesem Moment wünschen wir uns unausgesprochen für seine Familie alles erdenklich Gute.

Der Green Canyon empfängt uns mit offenen Armen. Der Parkplatz ist leer, ein Boot zu mieten stellt uns vor keine Probleme. Mehr Probleme gibt es beim Besteigen des Boots. Ganz schön wackelige Angelegenheit, trotz der Ausleger aus Bambus. Diese Ausleger werden wir auch benötigen, schützen sie uns auch in den Stromschnellen vor dem felsigen Ufer. Motorbetrieben geht es den Fluss hoch. Nach einer halben Stunde erreichen wir den sogenannten Green Canyon.

Eine natürliche Brücke überspannt den Fluss, der hier ziemliche Kraft hat. Wir steigen aus, oder besser gesagt, versuchen, auszusteigen. Der Landeplatz ist nicht sehr komfortabel. Inmitten der Stromschnelle auf einem Stein mit einer gewissen Rutschigkeit ist es gar nicht so leicht, Langzeitbelichtungen ruhig zu halten. Und dann noch dazu nicht in das Wasser zu fallen. In diesem Falle hätte sich das mit der Langzeitbelichtung wohl erledigt..

Wir verlassen den Green Canyon in Richtung Pangandaran, um etwas zu essen. Die lange Autofahrt gibt uns Gelegenheit, etwas mit Rudi zu plaudern. Schnell wird aus dem Smalltalk eine interessante Unterhaltung zum Thema Alltagsleben und politische Hintergründe in Indonesien. Ich habe am Green Canyon eine Bemerkung gemacht, dass er doch stolz auf die Schönheit seines Landes sein könnte. Mit dem Hintergrund der Geschichten, die Rudi uns nun erzählt, relativiert sich sein Stolz doch merklich. Dies erklärt auch seinen eher fragenden Gesichtsausdruck während meiner Bemerkung.

Indonesien leidet seit dem Suharto Regime noch immer ganz massiv an Korruption. Im Moment sogar mehr als früher. Da einzelne Inseln unterschiedliche Reichtümer haben, gibt es arme und reiche Inseln. Sumatra ist zum Beispiel reich an Bodenschätzen und demnach bestrebt, etwas von ihrem Reichtum auf der Insel zu belassen. Ohne die Unterstützung dieser reichen Inseln könnte Java alleine nicht existieren. Durch die Korruption gelangt natürlich wenig Geld an das einfache Volk. Perfekter Nährboden für religiöse Umtriebe. Die Korruption zieht sich nunmehr auch durch Bevölkerungsschichten, die vor ein paar Jahren noch ein gutes Einkommen hatten. So erhält nun der einfache Parkplatzwächter einen kleinen Obolus, um einen Wagen herauszuwinken.

Wir schliessen unsere letzten Besichtigungen für den Tag ab. Bambus erweist sich als äusserst widerstandsfähiger Baustoff. Eine Hängebrücke über eine Flussmündung trägt mühelos mehrere Motorräder, uns als Passagiere und noch dazu meine schwere Fotoausrüstung.
Wir erreichen Pangandaran bei Dämmerung und verabreden mit Rudi für morgen eine Dschungelwanderung.

Die südliche Halbinsel von Pangandaran enthält ein wunderschönes Naturschutzgebiet, welches anfangs noch leichte Spazierwege und eine Höhle bietet. Mit etwas Glück findet man hier neben den überall gegenwärtigen Makaken auch Stachelschweine in der Höhle. Rudi findet sogar zwei Skorpione, nachdem er den halben Wald umgewälzt hat. Stösst man weiter südlich in den Dschungel vor, wird der Busch dichter, bis sich dann auch die letzten Wege verlieren. Eine Wanderung oder Orientierung ohne Führer ist hier nicht mehr möglich. Wir wandern in einem Flussbett entlang mit Kletterpartien und durchaus einigen Höhenunterschieden. Bei 36 Grad und 80 % Luftfeuchte eine äusserst schweisstreibende Angelegenheit. Am Ende des Flusslaufes erwartet uns ein natürlicher Pool, bevor der Bach dann einige Meter in die Tiefe stürzt. Wir lernen viel über den Dschungel an dieser Stelle kennen und finden einige Exemplare der grössten Blume der Welt. Die Rafflesia, auch Stinkeblume genannt, wegen des faulen Geruchs während der Blütephase, gibt sich hier und da ein Stelldichein. Mit einem halben Meter Blütenumfang ein ziemlich grosser Brocken. Aber schön?

In dem Naturschutzgebiet gibt es ebenfalls Rotwild. Dies führt schon zu sehr skurrilen Situationen. Wir liegen auf einer Art Almwiese, blicken auf grasende Hirsche und erholen uns von der anstrengenden Wanderung.

Am nächsten Tag mache ich noch einmal einen Gang durch den vorderen Teil des Naturschutzgebiets und finde Hirsche am Strand. Gestört durch eine um eine Kokosnuss streitende Affenherde trollen sich die Hirsche schliesslich bis ans Meer. Dies ist schon als sehr skurril zu bezeichnen.

Durch die dem Meer ausgesetzte Lage hat Pangandaran auch sehr schöne Seiten. Die Lichtstimmung ändert sich fast minütlich. Mit Bambus gefertigte Stege reichen bis weit in Meer hinein und geben einen schönen Kontrast zur pastellfarbenen Meerlandschaft. Sanft blaue bis ins weiss gehende Töne wechseln sich mit dem Gelb der Bambusstege und dem Tiefblau des Meeres ab. Eine Szenerie wie gemalt.

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