Tanz auf dem Vulkan

veröffentlicht 21. Mrz. 2016

Wir verlassen Jogjakarta Richtung Osten. Im Nachhinein betrachtet, ist mir die Stadt nach dem ruppigen Beginn sogar richtig sympathisch geworden. Hat man einmal den Rhythmus der Stadt gefunden, ist sie durchaus interessant. Ich bin kurz vor unserem Hotel noch einmal in eine kleine Nebenstrasse abgebogen. Im Nu war ich in einer anderen Welt. Hier wurde Fussball gespielt. Auch hier zeugen die grossen neugierigen Augen der Kinder aufgrund meiner Anwesenheit von der Aufgeschlossenheit dem Fremden gegenüber. Das ganze ohne ersichtlichen materiellen Hintergrund. Vielleicht war die Episode am Sultanspalast mit den Führern doch nur eine Ausnahme. Nur eine Seitenstrasse weiter, abseits der Touristenpfade findet sich das einfache, immaterielle Leben. Und nebenbei betrachtet fühlte ich mich überall in Jogja sehr sicher. Auf jeden Fall hat die Stadt eine zweite Chance verdient.

Auf der Weiterfahrt nach Batu machen wir einen Stopp in Solo. Der dortige Palast von Solo wird heute noch für offizielle Empfänge genutzt. Hier trifft sich ganz offensichtlich die Vergangenheit mit der Gegenwart. Wir besichtigen die Innenräume der Paläste. Das ganze ist relativ nett, als Auflockerung zu der doch langen Weiterfahrt nach Batu gedacht.

So ist auch Batu nur Durchgangsstation zum Bromo, unserem nächsten Highlight auf dem Weg nach Bali. Hier gibt es nicht besonders viel, es ist aber eine der fruchtbarsten Regionen auf Java und als Apfelstadt bekannt.

Wir fahren durch endlose Landschaften mit Dörfern und dichten Besiedlungen. Bei der Grösse der Insel Java wundert mich dieser Aspekt. Es gibt kaum unbesiedelte Gegenden. Überall finden sich Gegenden mit Zeugnissen menschlichen Daseins und den dementsprechenden Eingriffen. Noch in Botswana habe ich die Einsamkeit der Natur gesucht. Hier in Java ist sie unauffindbar. Aber dieser Gegensatz ist nicht unangenehm. Und nicht uninteressant.
Reisbauern, die ihrer Arbeit nachgehen, Kinder, lächelnd und winkend überall. Motorräder mit ganzen Familien beladen. Eselkarren, hoffnungslos mit Schilf überbeladen. Gespräche beim Obstkauf. Freundlichkeit, Stolz und Aufgeschlossenheit. Es finden sich so viele Situationen und Motive für Fotografen, ohne jedes Klischee, von einfacher Schönheit geprägt. Manchmal möchte ich einfach nur eine Stunde an einer Kreuzung sitzen und staunen.

Während der Busfahrt erlebt man die vorbeiziehende Landschaft im Zeitraffer und die Augenblicke sind schnell wieder vorbei. Noch bevor man eine Situation komponiert hat, oder der Blick eingefangen ist, ist er wieder Vergangenheit. Was bleibt, ist der Versuch des Fotos und die Sicht durch den Sucher. Diese Sicht lässt allerdings ein Bild zurück, welches sich im Kopf festsetzt. Auch wenn es nicht digital eingefangen werden konnte. Schade? Keineswegs.

Nach einer fünfstündigen Fahrt hat man so viele Eindrücke gesammelt, die für eine ganze Woche reichen. Fast erlösend bricht die Dunkelheit herein. Und auch nach der Dämmerung, ergeben sich flüchtige Momente. Konturen von Menschen in Gebetshaltung. Hockende Reisbauern, die bei einer Funzel in Ihrer einfachen Hütte ihr Abendessen zu sich nehmen. Die Einfachheit vieler Schatten und Konturen wird in der Dunkelheit bietet Stoff für unzählige Schwarzweiss Fotografien und bleibt in einer Ecke des Kopfes enthalten.

Irgendwann kommen wir an. Unser Hotel hat gerade einen Kongress der Polizeibeamten. Nicht gerade die sicherste Art zu nächtigen. Wenn es Anschläge geben sollte, dann hier. Aber alles bleibt ruhig. So machen wir uns am nächsten Morgen auf in die Berge, zum Bromo.
Wieder führt uns die Fahrt durch besiedelte Gebiete. Nur ist die Besiedlung hier nicht ganz so dicht wie im Westen. Und je höher wir kommen, desto mehr nimmt die nun mittlerweile doch spärliche Zivilisation ab. Wir müssen wieder in zwei kleinere Minibusse umsteigen, da der letzte Anstieg zum Bromo doch recht steil ist und über enge Strassen führt. Bislang hatten wir immer Temperaturen über 30 Grad mit entsprechender Luftfeuchtigkeit.

Je höher wir steigen, um so schneller nehmen die Temperaturen ab. Auch sieht es so aus, als sollte uns unser Wetterglück verlassen. Der Bromo ist in dichten Wolken gehüllt. Wir steigen und steigen und fahren mitten in die Wolken. Dann sind wir oben und wie wir sehen, sehen wir nichts. Es nieselt und wir sind inmitten einer Wolke. Also beschliessen wir etwas zu warten und uns bei einer Tasse Tee aufzuwärmen.

Eine halbe Stunde später ist der Bromo immer noch nicht sichtbar, aber zumindest hat es aufgehört zu regnen. Wir starten in eine ungewöhnliche Landschaft. Durch die Wolken und die wüstenähnliche Vulkanlandschaft fehlen uns jegliche farblichen Bezugspunkte. Die einzige Farbe in dieser Landschaft wird durch unsere Kleidung gebracht. Es sind einige Stufen bis zum Kraterrand. Oben angekommen, blickt man in eine riesige Caldera, aus der unentwegt Rauch aufsteigt. Wir haben Glück, die Wolken lichten sich für einen kurzen Moment und geben einen gesamten Blick über das Tal frei. Wie gesagt währt unser Glück nur kurz, denn die nun kommenden Wolken verheissen nichts Gutes. Es beginnt zu regnen und wieder in der Unterkunft angekommen, sind wir vollkommen durchnässt. Macht nichts, entfällt so heute das Duschen. Wäre es trotzdem, haben unsere Zimmer eh keine Dusche vorgesehen. Und weiter ist das Zimmer nicht wirklich für regelmässige Übernachtungen vorgesehen. Hier zieht man sich an, um ins Bett zu gehen.

Da wir am nächsten Morgen den Sonnenaufgang auf dem Bromo sehen wollen, gehen wir früh schlafen. Wir werden um viertel vor vier geweckt und fahren mit Jeeps zu einem Aussichtspunkt, von wo aus der Sonnenaufgang besonders schön sein soll.

Vom Ende der Jeepstrecke aus sind es noch ca. 20 Minuten zu Fuß. Hier zieht sich nun eine endlose Schlange von Touristen, die den Sonnenaufgang sehen wollen, hoch. Amerikaner, Japaner, Asiaten, Europäer. Alle mit hoffnungsvollen Blick nach oben, einige sind schon Stunden unterwegs und der Himmel zeigt sich unnachgiebig. Wolken über Wolken. Zumindest regnet es noch nicht. An guten Tagen ausserhalb der Regenzeit stehen die Menschen morgens in Fünferreihen, um den Sonnenaufgang zu sehen. Heute haben wir Glück, es sind verhältnismässig wenige Menschen hier oben und ich bekomme einen Platz in der ersten Reihe. Leider auch ohne Erfolg. Die Sonne lässt sich hier und heute nicht blicken. Nach einer Stunde machen sich die ersten Zuschauer enttäuscht wieder auf den Rückweg.

Wir verlassen den Bromo für ein spätes Frühstück. Trotz des Misserfolgs auf dem Bromo ist die Stimmung innerhalb der Gruppe weiterhin sehr gut. Fast scheint es, als wäre die Gruppe noch etwas enger zusammengerückt. Auf jeden Fall haben wir ein harmonisches Frühstück und freuen uns jetzt wieder auf die Sonne und dreissig Grad.

Am Fusse des Berges beim Wiedereinstieg in die Zivilisation spielen sich komische Szenen ab. In Bettlaken gehüllte, völlig übermüdete und enttäuschte Touristen werden von Jeeps ausgespuckt. Um dann sofort wieder in einen Bus zu verschwinden. Man bringt die Kälte vom Berg. Jedes Ausrüstungsteil ist eiskalt. Hier bei wieder annähernd 20 Grad beschlägt erst einmal alles. Aber die Sonne scheint und gibt noch ein paar wunderschöne Blicke auf den Vulkankegel frei. Immer wieder muss unser Jeep anhalten, damit die Fotografen nun verspätet zu ihrem Recht gelangen.

Wir fahren weiter westwärts um in Ketapang auf die Fähre nach Bali zu steigen. Auch hier ergibt das selbe Bild, wie schon an den Tagen zuvor. Details fliessen viel zu schnell vorüber, das Gesamtbild prägt sich in das Gedächtnis ein. Wir erreichen die Fähre mit der Nachmittagssonne, die mittlerweile unseren Bus wieder auf Normaltemperatur gebracht hat.

Jugendliche in Badeshorts fordern uns auf, Geldstücke ins Wasser zu werfen. Sie springen anschliessend vom Dock und tauchen nach diesen. Ein Blick in das Wasser lässt aber uns Mitteleuropäer erschauern. Quallen, manche bis zu einem halben Meter gross und in unendlicher Vielzahl, tummeln sich im Wasser. Die Qualität desselben wird durch ihre Anwesenheit von guter Natur sein. Aber den Tauchern scheint die Qualität des Wassers und ihrer Bewohner egal zu sein. Naja, die Aluminiumgeldstücke der Rupien sinken auch nicht so schnell, so dass es eigentlich kein Problem ist, danach zu tauchen. Lediglich der Kopfsprung von der Mole ist durchaus sehenswert. Ebenso wie ihr durchtrainierter Körper.

Die Überfahrt nach Bali dauert ungefähr eine Stunde und ist sehr kurzweilig. Etwas Wehmut stimmt sich in die Abendsonne beim Blick zurück nach Java. Viele Bilder, Situationen und Erlebnisse liegen hinter uns, gepaart mit vielen Emotionen und Eindrücken. Schwer vorstellbar, das dies noch gesteigert werden kann. Bislang waren dazu die Bilder zur Reise zu schön. Aber warten wir ab, was Bali für uns bereit hält.

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