Reisfelder, Tradition und Chill-Out

veröffentlicht 21. Mrz. 2016

Wir verlassen Lovina Beach am nächsten Morgen, um in den Süden der Insel zu fahren. Die letzte Station unserer Reise wird Ubud heissen. Bekannt als Aussteigerdorf, inmitten herrlichster Reisfelder gelegen und im Buch Eat, Pray, Love (verfilmt mit Julia Roberts) erwähnt.

Aber vorher steht noch die Durchquerung der Insel über eine weitere, weiter östlich gelegene Route an. Wir fahren diesmal am Danau Batur, einem wunderschön gelegenen See am Vulkan Batur nach Rendang. Dort steht als erstes die Besichtigung einer wunderschönen Gartenanlage mit angeschlossener Kaffeerösterei an. Es gibt eine Kaffeeprobe, ähnlich wie eine Weinprobe. Unter anderem kann man auch den für indonisische Verhältnisse sehr teuren und in der Herstellung nicht ganz einfachen Kopi Luwak probieren. Die Bohnen ent-stammen den Ausscheidungen einer Meerkatze. Sie werden anschliessend gesammelt, getrocknet und geröstet. Vom Geschmack her nicht uninteressant, mit einer Note von Lakritz. Aber der Gedanke, das sich die Bohne schon einmal im Darm des Nagers befunden hat, ist schon recht befremdlich.

Wieder unterwegs, fahren wir durch wunderschöne Gegenden. Erst nachdem wir an der dritten Stelle ohne Fotostopp vorbeifahren, protestieren wir. Offensichtlich sind diese Stopps wohl nicht eingeplant, eher widerwillig lässt sich der Busfahrer auf einen Stopp ein. Wir treffen wir auf eine Prozession. Nun muss der Busfahrer halten. Sofort gehen unsere Bustüren auf und es wird gefilmt und fotografiert. Die Geduld der Prozessionsteilnehmer ist schon erstaunlich. Was mögen sie wohl über uns denken, wenn sie mit einem Schmunzeln an uns vorbeigehen?

Wir fahren weiter nach Klungkung, einer Provinzhauptstadt kurz vor unserem Ziel. Hier wollten wir eigentlich den örtlichen Gerichtspalast besichtigen, sind aber zu spät. Naja, dafür sind wir an den schönsten Stellen ohne Fotostopps vorbeigehastet. Hier muss ich wohl mal Kritik an den Busfahrern äussern.

Wir erreichen unser letztes Ziel dieser Reise und beziehen unser Hotel Puri Garden. Eine Gartenoase inmitten der touristischen Stadt Ubud. Beim ersten Spaziergang fällt der fortgeschrittene Umgang mit Touristen sofort auf. Jeder Einheimische begrüsst dich mit den Worten teksi, trensbord, massasch, oder lukluk. Zu Beginn ist man noch höflich und verneint jedes Gesuch.

Mit der Zeit wird man unhöflicher und rennt einfach an den Anfragen vorbei. Ubud selber hat eigentlich zwei Hauptstrassen, die Monkey Forest Road, die am gleichnamigen Affenwald vorbeiführt und die parallel dazu verlaufende Hanoman Road. Hier reihen sich Geschäft an Geschäft und das touristische Leben spielt sich vorwiegend hier ab. Beide münden im Norden in der Main Road am Palast.

Der Monkey Forrest liegt im Süden und ist ein von Makaken bewohnter Wald, durch den ein schöner Wanderweg führt. In der Regel bleiben die Affen unter sich und lassen die Menschen auch in Ruhe. Aber wie in jeder Zivilisation meint der Mensch auch hier Tiere füttern zu müssen, welches wiederum bei Futterverweigerung eine aggressive Haltung der Tiere nach sich zieht.

Der erste Tag in Ubud dient einer Besichtigung der Stadt. Einfach nur die Monkey Forrest Road herunterschlendern, Motive finden, den Sultanspalast besichtigen, da sein. Ubud hat einen Rhythmus, den man sich erarbeiten muss. Zunächst einmal sollte der Gang wesentlich entschleunigt werden. Nach und nach stellt sich dann die beschriebene Ruhe ein. Irgendwie erscheint es, als könnte man den hektischen, grell gekleideten Australiern, den stets in Gruppen zu fünfzehn auftretenden Japanern, dem nervigen teksi, massasch und was weiss ich nicht Ansprachen, entkommen. Es sind nicht Wenige, die den Rhythmus schnell raus haben. Man erkennt sie am leichten Lächeln und dem souveränen Gesichtsausdruck. Es gibt hier kein Muss und ein bisschen ist noch vom alten Flair übrig. Schön, das sich auch bei mir das Gefühl recht schnell eingestellt hat.
Mit diesem Gefühl lebt es sich sehr einfach in dieser Stadt. Restaurants sind günstig, alles ist da und man entdeckt schnell die wahren Schätze dieses Ortes. Sogar ein hektischer Marktbesuch kann das Gefühl nicht trüben. Man ruht in sich.

Am Abend schaue ich mir eine der professionell angelegten Touristenshows an. Ich möchte noch einmal den Vergleich zum Legong von Anturan ziehen. Da ein Theater fussläufig von unserem Hotel liegt, fällt die Wahl des Ortes nicht schwer. Ursprünglich soll der Legong Tanz von Mädchen aus einem Dorf getanzt werden, die noch nicht geschlechtsreif sind. Dies ist natürlich bei den professionellen Shows nicht mehr durchführbar. So sind unsere Tänzerinnen schon etwas älter, was aber der Schönheit ihrer Darbietung keinen Abbruch tut. Ebenfalls sehr gut gewählt ist die Umgebung. Die alte Mauer eines Eingangstor von einem Tempel, rot beleuchtet. Ebenfalls rot leuchtet der Teppich, auf dem getanzt wird. Ich werde bei meinen Fotos kräftig rot entsättigen müssen.

Die guten Plätze, die stimmungsvolle Atmosphäre und die Schönheit der Darbietung. Ich schiesse in einer Stunde fast 250 Fotos und habe nicht den Eindruck, etwas verpasst zu haben. Dazu ist die Darbietung zu dicht. Aber irgendetwas ist anders, als bei dem Legong Tanz unter den Einheimischen zwei Tage zuvor. Es wirkt alles zu professionell, zu glatt, durchchoreografiert. Ausserdem fehlt die Einzigartigkeit in der Situation.

Hier schauen wir uns einen Tanz an, vor zwei Tagen waren wir mittendrin. Trotzdem ist auch diese Vorstellung ein wirklich schönes Ereignis. Schön ist auch das unspektakuläre Ende. Nach dem letzten Tanz kommt einfach der Kartenabreisser vor die Bühne und meint: Das wars, der Tanz ist beendet. Und mit uns steht das Orchester, welches gegenüber den Zuschauern in der Überzahl war, einfach auf und entschwindet mit ihren Uniformen auf ihren Mopeds in der Nacht.

Für den nächsten Tag haben wir eine Wanderung durch die Reisfelder gebucht. Mahdi holt uns etwas zu spät ab, eine Tatsache, die ihn als Balinesen auszeichnet. Eigentlich haben Indonesier kein Verhältnis zu Zahlen. Einfachste Rechenoperationen werden mit dem Taschenrechner ausgerechnet. Fragt du einen Indonesier, wie weit ist es bis …, kann er es nicht beantworten. Selbst Fragen nach Zeitdauern (Wann kommt…) werden nicht selten mit: „Bis er da ist.“ beantwortet. Eine Tatsache, über die wir in unserer zahlenorientierten und massabhängigen Zeit vielleicht man nachdenken sollte. Schliesslich verliert somit auch jegliches Vergleichen, Horten und Wertschätzen von Materiellen seine Grundlage.

Wir fahren in einem klapprigen Minibus, der seine besten Tage in den frühen 90ern hatte und mit uns acht Leuten hoffnungslos überladen wirkt, mit Tempo 30 durch die wunderschönen Landschaften um Ubud. Das Wetter zeigt sich von der besten Seite und Mahdi muss nun die fotografische Last der verpassten Gelegenheiten von vor ein paar Tagen tragen. Immer wieder stoppen wir und bannen die Klischees von Reisbauern, Reisfeldern, Gebirgsketten und Palmen in unsere Kameras.

Die Wanderung ist ähnlich, nur anstrengender. Durch die Tatsache, zu Fuß unterwegs zu sein, muß man natürlich auf den Weg aufpassen und die Wege zwischen den Feldern sind meistens nicht breiter als 30 Zentimeter. Da kann ein Fehltritt schnell einen nassen Schuh nach sich ziehen. Die Reisfelder sind hier terassenförmig angelegt, dies bedeutet auch nicht unerhebliche Höhenunterschiede. Aber wir geniessen es einfach, durch diese wunderschöne Landschaft zu spazieren.

Fast scheint es, als sei heute Waschtag. An nahezu jeder Ecke liegen Wäschestücke zum Trocknen, Einheimische nutzen die Abgeschiedenheit für ein Bad, Seifenschaum vermengt sich im Bach.

Wir kommen an eine Tempelanlage, die, idyllisch in Stein gehauen, in einem Waldstück liegt. Die Anlage heisst Gunung Kawi in der Nähe von Tampaksiring und ist eine der ältesten Anlagen auf Bali. Wir machen einen kurzen Stopp. Die mittlerweile grün bewachsenen Steine zeugen von einer sehr alten Kultur. Die Besonderheit bei dieser Anlage besteht darin, das die zehn Schreine aus einer Felwand heraus modelliert sind. Dabei sind die Schreine bis zu sieben Meter hoch.

Wir laufen durch Dörfer, in denen Reis zum Trocknen ausgelegt wird. Nach der Ernte ist der rohe Reis noch in seiner gelben Hülle. Durch Auslegen in der Sonne trocknet er schliesslich aus und bricht auf. Dadurch kommt man an das innere Reiskorn.
Auch hier begegnen uns überall freundliche und aufgeschlossene Menschen.

Auch hier begegnen uns überall freundliche und aufgeschlossene Menschen. Ganz im Gegensatz zu den Hunden. Fast jeder Hof hat einen und unser Ankommen wird schon Minuten vorher angekündigt. Das Hundebellen wird dabei von Hof zu Hof weitergereicht, so dass wir wie bei einer Prozession zum, durch und aus dem Dorf geleitet werden.

Unser nächstes Ziel ist eine Badeanstalt am Fusse eines weiteren Tempels. Die Badeanstalt ist ähnlich gebettet wie die Anstalt vor Lovina Beach, allerdings besteht hier strikte Geschlechtertrennung. Die eingemauerte Räumlichkeit für die Damen zeugt hier noch von Anstand. Im Gegensatz besteht für die Herren keine Pflicht zu Badeanzug. Dieser Umstand sorgt dafür, das neben der Erfrischung die Anlage auch zur Körperreinigung genutzt wird.
Wir machen uns auf zum Tempel, der die Besonderheit eines heiligen Sees hat. Überhaupt spielt hier Wasser ein grosse Rolle. Gläubige Hindus waschen sich vor der Zeremonie rein. Dazu sind in vorgeschriebener Reihenfolge verschiedene Stellen zu reinigen. Und das ganz noch an 20 verschiedenen Wasserstellen. Am Ende sind sie zwar porentief rein, haben aber auch Flossen und Kiemen.

Wir machen uns auf den Rückweg und benötigen für die 25 Kilometer eine gute Stunde. Ich habe noch ein Verabredung, auf die ich mich sehr freue.

Ein weiterer Schatz, der in Ubud zu heben gilt, ist neben der Entdeckung der Langsamkeit auch die esoterischen Seiten kennenzulernen. Ich habe mich für eine balinesische Massage entschieden. Das Studio heisst Shangri La und empfängt uns etwas abseits der Monkey Forrest Road. Absolut still von Strassenlärm, in orangenem Licht getauchte und leicht durchlüftete Kabinen, lässt man hier seine Seele baumeln. Die Prozedur beginnt mit einer Fusswaschung und beinhaltet anschliessend eine Stunde Ganzkörpermassage mit Öl. Viele Elemente kenne ich bereits aus der Shiatsu Massage, aber ich war noch nie so entspannt wie nach der Stunde. Eine Dusche und ein scharfer Ingwertee mit etwas Obst bringen dich erst langsam wieder zurück ins Leben. Danach bin ich so relaxt, das ich gleich eine zweite Massage für den Folgetag ordere. Der letzte Tag gehört somit noch einmal ganz der Entspannung.

In unserem Hotel lässt sich die Reise schön revue passieren. Und noch einmal geniesse ich die Massage im Shangri La. Ich plane, anschliessend zu Fuß langsam zurück zum Hotel zu laufen. Etwas der Welt entrückt, über die vergangenen Tage nachdenkend, stolpere ich so am Monkey Forrest vorbei. Ein riesiger Menschenauflauf, Qualm und Musik führen mich nun zu einer Leichenverbrennung. Diese Zeremonie ist hoch spiritueller Akt und interessiert mich natürlich. Allerdings sind die Eindrücke eher zwiespältig. Frauen in wunderschönen Kleidern, Männer allesamt in Sarongs. Gerade wird ein gebetteter Stier verbrannt. Dazu werden Gebete gesungen und der ganze Platz ist von Räucherkerzengeruch überlagert. Irgendwie ist dies nach der Entspannung der Massage, die wie eine Seelenöffnung wirkt, etwas zuviel. Ich nehme etwas Abstand und beobachte lieber die Szenerie. Die spirituelle Leichtigkeit der vergangenen Zeremonien stellt sich aber nicht ein, der Ernst und die Tragik ist zu präsent. Stattdessen tritt eine ungeheure Mystik und Spiritualität zu Tage, die schon fast unheimlich ist. Ich beschliesse, vor dem Ende der Zeremonie zu gehen.

Beim Hinausgehen fällt mir noch eine Randerscheinung auf, über die ich lange nachdenke. Die Aggressivität der Menschen, was das Fotografieren angeht. Jeder, der nur eine Kamera egal ob Handy oder Knipskiste hat, schiesst bei dieser Zeremonie wie wild um sich. Das geht über die Köpfe der in der Runde sitzenden Betenden am ausgestreckten Arm. Keine Ahnung, wie diese Leute zu einem vernünftig komponierten und arrangierten Bild kommen wollen. Bei allem Verständnis für die Schönheit der hinduistischen Rituale und bei allem Respekt, den uns Fotografen diese Religion entgegenbringt, sollte hier doch Ausgewogenheit herrschen. Denn sonst wird das Fotografieren eines Tages nicht mehr erwünscht sein. Hier empfindet man es schon als störend.

Wir verlassen Ubud am späten Nachmittag in Richtung Denpasar und bekommen noch einmal einen Eindruck vom Süden Balis. Wir fahren vorbei an Fabriken zur Herstellung hinduistischer Tempelausstattungen, grosse Denkmäler säumen den Weg. Menschenmassen auf Mopeds passieren uns, neugierige Kinderaugen schauen uns erneut an. Ein schöner Abschied.

 

 

 

Death by Reizüberflutung habe ich diesen Bericht überschrieben, weil er es so schön trifft. Java und Bali hat so viele schöne Momente gehabt. Und das Beste daran ist die Tatsache, dass Menschen die Hauptrolle in diesem Kapitel gespielt haben.

Es ist schon beeindruckend zu sehen, wie sich das soziale Gefüge von dem unserer westlichen Welt unterscheidet. Ich denke, ich habe in den 19 Tagen nur einen groben Eindruck erhalten bzw. an der Oberfläche gekratzt. Aber was ich gesehen habe, hat mir sehr gefallen. Wesentlich mehr Miteinander, Füreinander und Aufeinander eingehen, wesentlich weniger Messen, Vergleichen und Neiden. Dies wird auch durch die allgegenwärtige Religion unterstützt und befördert. Ich werde die Eindrücke noch einmal sacken lassen um dann eventuell zu einem anderen Fazit kommen, aber für den Moment überwiegt dieser Eindruck.

Vielleicht sollte man sich auch nicht zu sehr Vergleichen hingeben. Aber es ist schon zu hinterfragen, warum nicht mehr Elemente dieser Kultur bei uns Platz finden. Zumindest die vielen Vorteile sprechen doch für sich. Und wenn wir schon beim Vergleichen sind: Ich bin nach meinem Botswana Urlaub gefragt worden, warum ich die Einsamkeit gesucht habe und was das Alleinsein bedeutet. Die Frage hat mich schon überrumpelt, ohne das ich eine plausible Erklärung hätte. Vielleicht war es eine „Zivilisationsauszeit“, die es mal bedurft hatte. Auf jeden Fall bin ich froh, durch meinen Aufenthalt in Indonesien auch die andere Seite der Zivilisation „wiederentdeckt“ zu haben. Oder anders (fotografisch) gesagt: Das südliche Afrika hat wunderschöne Landschaften und Tierwelten. Südostasien hat dazu noch eine Vielzahl an Augenblicken, Geschichten, Religionen, und, und, und?

Was bleibt also von der Reizüberflutung? Ich habe ein Bild am Anfang des Urlaubs gemacht, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Diese Augen voller Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Neugier und Vertrauen bei den Kindern von Pangandaran. Dies steht für eine Welt, in der die Einfachheit das Leben entschleunigt. Jegliches Materielle über dem Substantiellen bedeutet auch Last und Verantwortung. Weiter haben mich die Religionen und die Mystik beeindruckt. Hier ist eine Neugier geweckt worden, die auch fotografisch neu bewertet und weiter eingefangen werden sollte. Dazu waren die 19 Tage Java und Bali leider viel zu kurz.

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