Kulturschock mit dem Holzhammer

veröffentlicht 21. Mrz. 2016

Nun also Asien. Absolutes Neuland. Wir fliegen mit Malaysian Airlines über Kuala Lumpur nach Jakarta. Zu den Flügen gibt es keine Besonderheiten, die Flughäfen sehen wie alle anderen aus, mit Aspekten aus dem jeweiligen Land. Dies heisst für Kuala Lumpur fernöstliche Ornamente und auch den ein oder anderen Drachen. Doch es gibt eine Besonderheit. In der Mitte ist mit dem „Djungle Walk“ ein Dschungellehrpfad eingerichtet. Genau das Richtige: Nach einer durchwachten Nacht morgens um sechs Uhr 36 Grad und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Jakarta erwartet uns mit Regen. Wir landen bei extrem schlechter Sicht am frühen Vormittag. Regenzeit in Indonesien. Nach Gepäckaufnahme fahren wir in das Hotel Batavia am Rande der Altstadt. Und hier fangen die Dimensionen an, grösser zu werden. Schnell zeigt sich, das Jakarta als Millionenmetropole aus vielen Ansiedlungen besteht. Ein Eindruck, der mich mit wenigen Ausnahmen, in ganz Java begleitet hat. Landstriche, die von Zivilisation ausgeschlossen sind, gibt es fast keine. Dies bedeutet für einen Landschaftsfotografen zunächst eine Enttäuschung, Menschen sind leider der Grund für Eingriffe in unberührte Natur.

Hier in Jakarta ist keine Landschaft zu erkennen. Ansiedlungen, Häuser und Hütten reihen sich nahtlos aneinander. Fast hat es den Anschein, als würde die Stadt Vorbereitungen für die Regenzeit treffen, in dem sie eng zusammenrückt und sich unter die Dächer verzieht. Hauptstrassen führen hoch über den Dächern die Menschen an ihre Ziele.

Wir erreichen unser Hotel, es hat aufgehört zu regnen. In unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Altstadt gelegen, entschliessen wir uns zu einem Besuch per pedes. Man merkt deutlich, dass die Altstadt ihre besten Tage hinter sich hat. Geschäft reiht sich an Geschäft.

Die Strassen werden enger, so dass letztlich nur noch Motorroller fahren können. Je tiefer wir in das Viertel gelangen, umso enger werden die Gassen, bis dann auch keine Roller weiter durchkommen. Die Orientierung ist schon verloren, nur eine Grundausrichtung bleibt noch. Wir lassen uns also treiben. Begutachten Gassen nach Ihrer Vertrauenswürdigkeit. Sind überrascht von der Neugier der Menschen uns gegenüber. Sollten sich hier nicht so viele Touristen hin verirren?

Wir versuchen zurück zum Hafen zu kommen, um am Hafenbecken noch alte stillgelegte Frachtschiffe zu sehen, die nun als günstiger Wohnraum genutzt werden. Mittlerweile haben wir aber gänzlich die Orientierung verloren und das Viertel, welches vorher schon nicht wirklich als eines der Besseren genannt werden konnte, hat nun gänzlich Slumcharakter. Frauen waschen ihre Kinder in einer kleinen Schüssel vor dem Haus, die ärmliche Behausung lässt keine Möblierung zu. Inmitten dieses Elends erhebt sich eine Moschee, die das Viertel beschallt. Der Ruf des Muezzin durchdringt die Gassen und erreicht die Menschen unmittelbar. Fast erscheint der Ruf beunruhigend. Zunächst ist die Situation unangenehm, wir gehen an den lautverstärkten Koranrufen vorbei, treffen auf eine Gruppe Einheimischer und fragen nach dem Weg.

Inmitten dieses für uns erscheinenden Elends sprechen Menschen Englisch, sind absolut hilfsbereit und ihre Kinder führen uns durch Gassen, oder besser durch „Elendswohnzimmer“, durch die wir nie gegangen wären.

Wir erreichen das Hafenbecken auf der linken, nicht ganz so gut zu begehenden Seite. Also verabschieden wir uns von unseren Führern und balancieren an der Kaimauer entlang zurück in die Stadt. Anhand des Hafenbeckens können wir uns auch wieder orientieren. Unser Abenteuerhunger ist für das Erste gestillt. Nach 16 Stunden Flug, wenig Schlaf und diesen ersten für Westeuropäer ungewohnten Eindrücken, sehnen wir uns nun nach Ruhe, als auch die Kaimauer endet.

Unser Glück, daß gerade in diesem Moment ein Motorboot an einem provisorischen Steg anlegt. Nach kurzer Verhandlung steigen wir in das Boot, welches uns zurückbringen soll. Wir rudern vorbei an den ehemaligen Handelschiffen, viele holländischer Abstammung, die nun als Wohnraum für Menschen dienen. Hängematten dienen als Schlafstätte, vieles lässt sich hinter den rostigen Wänden nur erahnen. Die Müllentsorgung erfolgt direkt über die Reling. Und hier zeigt sich auch neben den hygienischen Problemen dieser Slums auch die Probleme der verschiedenen Infrastrukturen wie Müllentsorgung, Transport oder sozialer Aspekte. Das Hafenbecken drückt den Dreck direkt in die Stadt hinein.

Das Anlegen ist ein Kampf gegen den Müllberg. Es müssen zunächst Ummengen von Plastik und anderem schwimmenden Treibgut beiseite geschafft werden, bevor wir anlegen können.

Bei solchen Trips stellt sich mir immer die Frage nach dem Fotografieren. Welchen Wert hat die Dokumentation von negativen Seiten, wenn ich nicht darüber berichten will? Und wie will ich diese Slums zum Beispiel in einem Gesamtkontext darstellen? Als Antwort auf diese Fragen schaue ich den Menschen zu. Und hier fällt mir schnell die fehlende Scheu vor der Kamera auf. Kinder positionieren sich bereitwillig, um abgelichtet zu werden. Auch die Frage nach einem Foto wird häufig positiv beantwortet. Dies lässt den Schluss zu, dass das fotografiert werden eine Abwechslung in ihrem Alltag ist und sie ihre Umstände gar nicht so negativ erachten. Fast erscheint auch hier und da ein gewisser Stolz über die Meisterung ihres Lebens durch. Schnell wird klar, in diesem Urlaub ist viel Peoplefotografie möglich.

Am Rande der Altstadt finden sich noch einige Überbleibsel der holländischen Besatzung. Dazu gehören eine Hebebrücke, das Grachtensystem und ein Hafenturm, den wir besteigen, um uns einen Überblick über das Viertel zu verschaffen. Das hätten wir vielleicht besser vorher getan. Erst im Überblick haben wir ein Ausmass über das Viertel und die Wege, die wir zurückgelegt haben. Vielleicht doch etwas viel für den ersten Tag.

Bei all den Eindrücken aus dem Viertel ist mir ein Eindruck ganz besonders hängen geblieben, der sich im weiteren Lauf der Reise bestätigen soll. Kriminalität spielt sich hauptsächlich in den Großstädten ab, aber sie tritt hier in Jakarta nicht offensichtlich zu Tage. Wir haben uns bei dem Rundgang nicht bedroht gefühlt, noch mussten wir uns Gedanken um unsere Ausrüstung machen. Fast scheint es, als habe das Materielle hier einen eher untergeordneten Wert. Sehr angenehm im Gegensatz zu vielen anderen Teilen dieser Welt.

Wir mischen uns am Abend noch auf einem Jahrmarkt und erleben auch hier viele angenehme Augenblicke. Neonfarbige Produkte wechseln sich mit natürlichen Leder-, Holz- und Steinarbeiten ab. Vorgeführte Geschicklichkeitsspiele suchen Nachahmer. Ein Gamelanorchester versucht sich gegen die westliche, elektronisch verstärkte Popkultur durchzusetzen und ein Puppenspieler mit traditioneller Spielweise erregt sehr grosses Interesse bei vielen Menschen. Dies ist eigentlich verwunderlich für eine Hauptstadt mit einem weltoffenen Charakter, aber der Hang zur Tradition zieht sich angenehm auch durch die weitere Reise durch Java.

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