Die heimliche Hauptstadt

veröffentlicht 21. Mrz. 2016

Jogjakarta, oder auch kurz Jogja genannt, begrüsst uns ruppig. Nach der Stille und Ruhe unseres Borobudur Intermezzos erscheint die Vielzahl an Motorrollern, Motorrädern und Autos wie eine Lärmwand. Die Strassen in Jogja sind sehr eng und Bürgersteige sind Fehlanzeige. Wir melden uns im Hotel bei unserer Gruppe zurück und machen uns auf, um am Nachmittag den Sultanspalast, bzw. das Wasserschloss zu besichtigen. Da der Palast nicht so weit weg von unserem Hotel sein sollte, entschliessen wir uns zu laufen. Durch mehrere Nebenstrassen erreichen wir schliesslich die ersten Gebäude. Die Navigation ist in Jogja nicht gerade einfach.

Wir lösen ein Eintrittsticket für das Wasserschloss und bekommen einen Führer zugeteilt. Alleine rumlaufen geht nicht. Das Wasserschloss hat einen ganz eigenen Charme, verblichene Pastellfarben zeugen von einer harmonischen und farbenfrohen Erholungsstätte für den Sultan. Hier standen ihm 19 Frauen neben seiner Gattin zur Seite. Die Türen in dem Schloss sind niedrig gebaut. Meine Vermutung, der Sultan müsse ein kleiner Mann gewesen sein, bestätigt sich nicht. In der Regel sind die Indonesier eher kleiner Natur, so wohl auch der Sultan, aber die niedrige Bauweise hatte einen anderen Grund. Beim Eintreten in den Raum ist man so zu einer unfreiwilligen Verbeugung gezwungen. Eine erzwungene Ehrerbietung also.

Wir ziehen weiter in die Moschee. Die Gassen in dem Viertel sind sehr eng, der Eingang ist nicht ohne weiteres zu erkennen. Getrieben von einem weiteren Führer, und hier sind wohl alle Einheimischen Führer, finden wir aber den Eingang zu der teilweise unterirdisch angelegten Gebetsstätte. Die Anlage ist rund angelegt, in der Mitte findet sich ein Treppenauf- und abgang zur jeweils gegenüberliegenden Seite. Eine sehr schöne Stimmung macht sich hier breit. Schattenspiele, Gesichter, neugierige Blicke und Gespräche mit jugendlichen Moslems runden das Bild ab. Beim Verlassen der Anlage müssen wir uns nur noch unseres Führer entledigen, der uns auch weitere Stätten zeigen möchten, unabhängig davon, ob wir wollen oder nicht.

Wir laufen die Haupteinkaufsstrasse von Jogja, die Jalang Ngasem, herunter. Hier reihen sich Geschäfte an Geschäfte, der Verkehr auf der Strasse ist ein nie versiegender Strom von Motorrädern. Inmitten dieser Hektik zeigen sich die lustigsten Szenen. So versucht ein Mann mit seinem Sohn vor einem Vogelhändler den Vogel mit dem lieblichsten Gesang herauszufinden. Wohlgemerkt, inmitten von knatternden Auspuffen, Abgaswolken und Gehupe.

Generell scheint es in Jogja einen grösseren Hang zum Materiellen zu geben. Die Art der Tourismusbegleitung erweckt sehr schnell den Eindruck, als würden sehr viele Menschen auf die schnelle Rupie aus sein. Zum ersten Mal kommt ein Gefühl der Enge in der Stadt auf. Nachdem auch der fünfte Einheimische uns fragt, wohin wir denn wollen und wir ihn nicht loswerden, hinterfrage ich unsere Art der Fortbewegung. Und in der Tat bewegt man sich in Jogja nicht zu Fuß fort. Das bevorzugte Mittel der Fortbewegung sind die Becaks. Kleine Fahrradrikschas mit dem Radfahrer hinten. Eine Fahrt kostet nur wenig und sollte für die nächsten Tage unser Fortbewegungsmittel sein.

Nur, wenn man einen Becak benötigt, ist natürlich keiner da. Also machen wir uns zu Fuß auf den Rückweg. Einem Tip unserer Reiseleitung folgend, wollen wir das „Ministry of Coffee“ besuchen, in dem es legendären Death by Chocolate geben soll. Aber nach dem morgendlichen frühen Aufstehen, der Hektik der Stadt und der vorgerückten Stunde schaffen wir es nicht mehr bis zum Cafe. Wir essen zu Abend und gönnen uns für den Rückweg zum Hotel die ersten Becaks.

Am Abend steht ein weiteres Highlight an: Im Ramayan Theater wird die Geschichte von Rama und Sinta gezeigt. Eine Art indonesisches Romeo und Julia als Tanzveranstaltung, mit historischen Kostümen und mit Gamelan Orchester. Obwohl das ganze natürlich eher die Note einer Touristenattraktion hat, erweist sich die Farbvielfalt der Kostüme, die tänzerische Gestik und Mimik und die für uns zunächst fremde Art der Musik des Gamelan als durchaus sehenswert.

Selbst der lange Tag fordert nicht seinen Tribut, ich kann ohne Probleme mit Aufmerksamkeit bis zum Ende folgen. Eine Tatsache, die auch durch die Möglichkeit, Fotografieren zu können, gefördert wird.

Der Rückweg mit dem Becak erweist sich als durchaus abenteuerlich. In einer kleinen, unbeleuchteten klapprigen Rikscha neben wie riesig erscheinenden Bussen bahnt sich mein Fahrer den Weg zum Hotel. Man sollte schon gute Nerven haben, nachts unbeleuchtet mitten auf einer Grosskreuzung zu stehen, inmitten von Autos und heranknatternden Motorrollern. Aber ich denke, die Fahrer dieser Becaks geniessen eine besondere Form von „Artenschutz“. Nie habe ich erlebt, dass ihnen ein böses Wort zugeworfen wurde, noch die Vorfahrt genommen wurde. Im Gegenteil, fast scheint es, als würden andere Verkehrsteilnehmer bremsen, um ihnen die Vorfahrt zu gewährleisten.

Eine weitere Besonderheit des jeweiligen Becak Fahrers wird je nach dem Alter zuteil. Nach Bekanntgabe des Herkunftslandes „Dschörmanie“ wird, ähnlich wie bei den Reisbauern, die jeweilige Generation der deutschen Fussballspieler genannt. Also, je jünger, desto aktueller. Mein diesmaliger Fahrer kennt noch Jürgen Klinsmann, somit habe ich zum ersten Mal kein Problem, meinen Namen zu beschreiben. Die Fahrt ist dadurch immer sehr kurzweilig, wenn auch schweisstreibend für den Radler.

Am nächsten Tag steht wieder ein Besichtigungsprogramm an. Wir die grösste hinduistische Tempelanlage von Indonesien, 18 Kilometer östlich von Jogjakarta: den Prambanan. Leider sind viele Gebäude aufgrund eines Erdbebens von 2006 noch ziemlich zerstört. Riesige Steinfelder zeugen von einer unendlichen Puzzlearbeit. Zur Zeit wird auch darüber diskutiert, einige Tempelgebäude neu aufzubauen, da die Zerstörung des Erdbebens doch sehr weit gegangen ist. Hier könnte man mal ein Computerprogramm schreiben, welches die einzelnen Eigenschaften der Steine erfasst und dann zusammenpuzzelt. Nur so eine Idee. Die noch existenten acht Haupttempel sind zum Teil aber noch gut erhalten und auch begehbar. Wir bekommen einen ersten Einblick in hinduistische Formen und Bauweisen. Die drei grössten Schreine sind den drei Göttern Shiva , Vishnu und Brahman gewidmet.

Auf dem Rückweg stoppen wir bei einer Silbermanufaktur und einem Batikstudio und lassen uns hier die Arbeitsabläufe erklären. In Jogja gibt es eine grosse Kunstszene und diese beiden Arten der Kunstherstellung sind die tragenden Säulen der Szene. Aber noch etwas anderes fällt mir bei der Fahrt durch die Stadt auf. Hier gibt es erstmals Graffitis. Und dabei handelt es sich durchaus um wahre Kunstwerke. Von Comiczeichnungen bis hin zu vollständigen Frauenportraits zeigt sich viel Potential und Kreativität.

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