Borobudur

veröffentlicht 21. Mrz. 2016

Nach drei Tagen, die eigentlich zur Erholung dienen sollten, verlassen wir Pangandaran. Richtig erholsam waren die Tage eigentlich nicht, eher etwas für Aktivurlauber. Wir fahren durch grüne Landschaften, durch die wir im Dunklen angereist sind, in Richtung Norden zum Dieng Plateau. Unser Hotel zum Plateau liegt in dem nahegelegenen Wonosobo. Der Ort gibt eigentlich nicht viel her, von meinem Zimmer sehe ich direkt auf das Capitol, oder besser gesagt, einem Nachbau.

Wir suchen eine Möglichkeit zum Abendessen und werden von sintflutartigen Regenfällen überrascht. Da wir schon geduscht haben, entscheiden wir uns, dort einzukehren, wo wir gerade stehen. Es handelt sich um eine günstige Garküche, die auch viele Einheimische frequentieren. Die Chefin des Hauses, eine Muslimin, gibt sich rührende Mühe um uns. Nach der Vorspeise, einer Art Gruß aus der Küche (in etwa in Fett gebackenes Kropoek) weist sie uns auf die Speisekarte hin, die an der Wand hängt. Drei Arten Reis oder drei Arten Nudeln, die Portion zu 50 Cent.

Diese Garküchen gibt es überall im Land verteilt und generell kann man hier durchaus leckeres Nasi Goreng oder Mie Goreng essen. So auch hier. Die Portion ist mehr als sättigend. Dazu gibt es Tee und eilig aus dem nebenan liegenden Geschäft herbeigeschaffte Cola. Ein uriges, rustikales und leckeres Menü für acht Personen zum Preis von insgesamt zehn Euro.
Wie bereits oben erwähnt, bietet Wonosobo nicht besonders viel. Nach dem morgendlichen Weckruf des Muezzin brechen wir zum Dieng Plateau auf. Das Plateau selber ist vulkanischen Ursprungs, dabei noch sehr aktiv und liegt auf über 2000 Metern Höhe. Die Strasse hierhin ist sehr eng und kurvig, so daß wir auf kleinere Busse umsteigen müssen. Das Wetter ist hervorragend und wir besichtigen einen kleineren hinduistischen Tempel, aktive heisse Schwefelquellen und vulkanische Landschaften, die noch nicht zum Erkalten gekommen sind. Die Fragilität der Landschaft ist hier durchaus bemerkenswert. Wir verlassen die Gegend nach einem Abstecher zu einem wunderschönen See, um zum grössten erhaltenen Heiligtum des Buddhismus zu fahren. Der Tempelanlage von Borobudur.

Hier möchten wir uns für eine Nacht von der Gruppe abtrennen, da wir mehr Zeit am Borobudur eingeplant haben und eventuell einen Sonnenaufgang sehen möchten. Im Nachgang betrachtet war dies auch die richtige Entscheidung. Wir kommen am Borobudur an und unsere Reisegruppe erwartet ein Spießrutenlauf von ca. 300 m (gefühlten 600m) durch fliegende Händlerscharen, die ihre Postkarten, Kleinminiaturen, T-Shirts und alles weitere für den Borobudur Besucher bereithält. Wir trennen uns von der Gruppe und suchen uns ein Eseltaxi, welches uns zum Hotel fährt. Das Manohara liegt auf der gegenüberliegenden Seite der Anlage. Wie gesagt, die richtige Entscheidung. Denn von hier aus ist der Borobudur fußläufig zu erreichen, das Hotelgelände ist eine kleine Oase, an dem wir erst etwas Kraft und Ruhe für die Tempelanlage schöpfen können. Leicht winddurchflutet, in Sichtweite zum Borobudur und mit hölzernen Windspielen beschallt, geniessen wir einen Begrüssungstee und lassen die Hektik erst mal aussen vor. So hatte ich mir eigentlich Java vorgestellt.

Der Borobudur ist eine riesige Tempelanlage quadratischer Form, die auf neun Ebenen nach oben steigt. Die Grundfläche der untersten Ebene liegt bei 123 Meter im Quadrat. An den Wänden der untersten Ebene finden sich Reliefs aus dem einfachen Leben der Menschen zur Erbauung des Borobudur.

Je höher man auf den Borobudur steigt, um so höher steigt man auch in der Hierarchie des Lebens, bezeugt durch die Reliefs auf den höheren Stufen, bis ganz oben das Heiligste des Buddhismus erreicht wird. Eine riesige Stupa, elf Meter im Quadrat, die von mehreren, weiteren 72 Stupas umringt wird. Die Tempelanlage ist pyramidenförmig aufgebaut, die seitlich liegenden Treppenaufgänge sehr steil. Wie bei dieser Art von Tempelanlage üblich, kann diese nur von aussen betreten, es gibt keine Hallen, Säle oder Räume.

Die Anlage selber ist zum Teil noch von dichtem Wald und Dschungel umringt, dies gibt noch einen zusätzlichen mystischen Touch. Bedingt durch seine Grösse und seiner Bedeutung ist hier, touristisch gesehen, die Hölle los. Aufnahmen mit weitem Horizont ohne Touristen aufzunehmen, ist fast nicht möglich. Es sei denn, man wartet den Sonnenuntergang ab oder eben den Sonnenaufgang. Wir planen Letzteres.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker dann auch um 3:45 Uhr. Nach einem kurzen Frühstück machen wir uns mit einer Gruppe von ca. zwanzig Menschen vom Hotel auf den Weg. Die offizielle Öffnungszeit ist eigentlich sechs Uhr, so dass wir nur mit einer Sondergenehmigung die Anlage betreten dürfen. Praktischerweise gibt es die Genehmigung in Form eines „Sunrise-Paketes“ im Hotel. So betreten wir mit der ersten Dämmerung an diesem Tag auch als erste die oberste Stupa. Der Anblick ist atemberaubend. Noch ist keine Sonne zu sehen, die umliegenden Wälder werden vom morgendlichen Dunst bedeckt.

Ein seltsam violettes Licht kündigt einen heissen und sonnigen Tag an. Noch liegen die Stupas im Halbdunkel der Nacht, wie Zeitzeugen einer vergessenen Religion. Die Mystik, die über der Tempelanlage liegt, lässt die Stimmen der Frühaufsteher respektvoll leise werden.
Es dauert lange und es ist schon fast hell bis die Sonne erscheint. Erst nur einzelne Strahlen, die den mittlerweile von pastellblau bis tiefvioletten Himmel mit dem warmen Farbspektrum versorgen. Erste Gelb- und Rottöne mischen sich mit dem erwachenden Grün beschienener Palmen. Der wabernde Nebel hält sich hartnäckig. Die Umrisse der Stupas werden mit jeder Minute kontrastreicher, fast erscheint es, als erwachen durch die Schattenspiele die Reliefs zum Leben. In diesen zwei Stunden zeigt sich der Borobudur von einer unglaublichen Ruhe und Kraft.

So beeindruckend das Schauspiel ist, so schnell vergeht mit den bald darauf eintreffenden Touristenströmen die Einzigartigkeit des Moments. Wir beschliessen, zu einem Frühstück ins Hotel abzusteigen und später noch einmal wiederzukehren. Beim Abstieg bietet sich ein bizarres Bild. Ströme von blauen, roten und grünen Schulklassen, die zur Wiedererkennung in die gleichen T-Shirts gekleidet sind, bevölkern nun die Treppenaufgänge zur obersten Stupa. Aus der Ferne betrachtet, zeichnet sich so ein farbenfrohes Bild der dunkelgrauen Anlage. Als wir absteigen, ist gerade Gelb dran.

Wir kehren am Vormittag noch einmal zurück, um auf den unteren Ebenen noch ein paar Reliefs zu betrachten. Insgesamt waren wir vielleicht acht Stunden am Borobudur, mir kommt es vor, als hätte ich nur einen Bruchteil des Tempels gesehen. Von diesem einmaligen Morgen beseelt, machen wir uns mit einem Taxi auf den Weg nach Jogjakarta, der nächsten Station unserer Reise. Nicht ohne einen Abstecher zu einer weiteren hinduistischen Tempelanlage in Wanurejo zu machen. Auch hier ist im Inneren der Tempelanlage die Mystik greifbar. Rauchschwaden von Räucherkerzen durchwabern den Raum und Betende murmeln uns unbekannte Formeln. In unmittelbarer Nähe gibt es eine kleinere buddhistische Anlage, mit einer liegenden Buddhafigur.

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