Back to Bali

veröffentlicht 17. Feb. 2015

Die Offlineversion als pdf: Back to Bali

 

Inhalt

1 – Die Motivation
2 – Ankunft
3 – One step beyond
4 – Flores
5 – Eine Bootsfahrt, die ist lustig…
6 – Ach, Lombok
7 – Back to Bali
8 – Die Wiederentdeckung der Freiheit
9 – Abschied
10 – Fazit

 

1 – Die Motivation

Was treibt den Reisenden, innerhalb von wenigen Monaten ein zweites Mal an das selbe Ziel? Warum erneut 15 Stunden Flug mit Zeitverschiebung, Jet Lag und Kosten ein Land zu bereisen, welches doch schon angeschnuppert wurde?

Ich habe im ersten Teil der Erzählung von der Überdosis an Eindrücken gesprochen, die durchweg positiver Natur waren. Es fühlte sich für einen Fotografen (oder Weltbetrachter) so an, als hätte jemand die Tür zu einer vollkommen neuen Welt geöffnet und just in dem Moment, in dem ein Motivgefühl entsteht, wieder geschlossen.

Diesem Gefühl wollte ich nun einen zweiten Blick gönnen. Einen, der tiefer geht, nicht die ausgetretenen Pfade bedient und das unterwegs sein, mit dem Beobachten verbindet.

Denn dieser Kontinent und speziell Indonesien hat etwas besonderes, welches sich für mich noch nicht beschreiben lässt und die Neugierde darauf ist grösser als alle oben beschriebenen Strapazen und Kosten.

Um es vorweg zu nehmen: Habe ich auf dieser Reise eine Beschreibung für dieses Besondere gefunden? Nein, leider ist mir dieses nicht in Kurzform möglich. Aber vielleicht gelingt es Euch beim Lesen dieser Zeilen die Zwischentöne herauszufiltern oder herauszuhören, die genau den Grund der Motivation ausmacht.

2 – Ankunft

Zunächst trifft mich die Realität doch härter, als erwartet. Der Grund: Sanur. Einst Grundlage für den Roman „Liebe und Tod auf Bali“ von Vicky Baum. Und auch das aktuelle Buch „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand…“ handelt zeitweise dort. Der Reiseführer warnt mich schon davor, das die Realität mit der Romanvorlage nicht mehr standhält. Ist mir im Grunde egal, ich versuche hier erstmal den zu erwartenen Jetlag zu kurieren und eine möglichst komfortable Ausgangsposition für die Weiterreise nach Flores zu haben. Da wollte ich den klassischen Touristenstränden von Kuta und Semaniyak aus dem Weg gehen.

Die Realität trifft mich insofern unerwartet, dass ich feststellen muss, dass der komplette Süden von Bali vertouristet ist. Sanur selber liegt eigentlich wunderschön, lediglich nach Osten gerichtet und damit nicht sonnenuntergangstauglich. Dies hat der touristischen Infrastruktur aber keinen Abbruch getan. An der Hauptstrasse reihen sich die Lokalitäten, Restaurants, Massagesalons und Einkaufspassagen.

Ebenso stellt sich die Transportfrage nicht wirklich, hier wird noch „Taxi, Taxi, Sir“ gerufen oder der Fussgänger wird einfach angehupt. Und zwar so lange, bis er eine Reaktion zeigt.

Die beschriebene „Exotik“ Balis wird hier mit Sicherheit nicht aufkommen. Die Lieblichkeit ist auch nur in Teilen vorhanden.

Also versuche ich zur Ruhe zu kommen und den Urlaubsmodus anzuschmeissen. Es vergehen einige Stunden und auch einige Spaziergänge, bis ich hinter das Geheimnis von Sanur komme. Die Schönheit, die Bali auszeichnet ist sehr wohl vorhanden. Nur sehr versteckt.

Bedingt durch den Jetlag laufe ich die Uferpromenade am ersten Abend noch einmal ab. Diese streckt sich ca. 5km entlang und ist ebenfalls gespickt mit Restaurants, Bars und dergleichen touristischen Entspannungsmöglichkeiten. Da fällt mir eine beleuchtete Anlage, etwas zurückstehend, auf. Primär weist sie die typischen hinduistischen Züge auf, im Gegenlicht aber nicht so leicht zu erkennen. Plötzlich erwacht dieser Tempel zum Leben. Nachts um halb zehn findet dort eine kleine Gebetszeremonie statt. Durch die hohen Mauern kann ich leider nicht auf das Grundstück sehen, aber die Mystik des Hinduismus ist sofort wieder da. Keine zwanzig Meter weiter ist das Schauspiel auch schon wieder beendet. Und so finden sich eigentlich über den ganzen Süden Balis die „hinduistischen Momente“ wieder. Versteckt, aber sie sind da.

3 – One step beyond

Ulu Watu ist der südlichste hinduistische Tempel Balis und liegt auf der Halbinsel Nusa Dua (zwei Inseln). Der Weg dorthin ist beschwerlich, die Halbinsel ist nur durch eine schmale Landzunge zu erreichen. Beschwerlich aus dem Grund, da der Flughafen von Bali, Ngurah Rai, etwas nördlich vor dieser Enge liegt. Dies bedeutet Verkehrschoas ohne Ende. Für die vierzig Kilometer zum Tempel benötigt man nahezu 2 Stunden. Keniaische Marathonis sind genauso schnell.

Der Verkehr auf der Halbinsel lässt ein freies Fahren kaum zu. Ulu Watu gehört aufgrund seiner Nähe zu Kuta und Seminiyak eigentlich zum Pflichtprogramm des normalen Badeurlaubers. Und so reihen sich Schlangen von Taxis und Rollerfahrern normalerweise über die Halbinsel. Aber mein Guide Joe und ich haben Glück und erreichen einen relativen leeren Parkplatz. Entweder sind wir schon zu spät oder heute ist aufgrund des Sonnenwetters Badetag.

Ulu Watu liegt auf einer Klippe direkt am Meer. Zwanzig Meter über der schäumenden Gischt bietet die Tempelanlage wunderschöne Aussichten auf die untergehende Sonne. Ähnlich wie Tanah Lot, dem Klischee hinduistischer Baukunst vor untergehender Sonne, baut sich auch hier der Gebetsturm gegen die Abendsonne auf. Für Fotografen leicht einzufangende Mystik.

Aber noch eine andere Begegnung macht diese Fahrt so besonders. Ich fotografiere gerade die Tempelanlage gegen die Sonne, welches eine etwas längere Einstellungszeit und mehrere Versuche benötigt. Dabei werde ich von drei Indonesierinnen beobachtet. Zunächst denke ich an eine Mutter-Tochter Beziehung, fragt mich die ältere Dame doch, ob ich verheiratet bin. Vielleicht sucht Sie ja gerade ihren Schwiegersohn aus? Ich kontere die Frage mit einer Gegenfrage. Warum Sie fragt, möchte ich von ihr wissen, ob sie noch einen Mann sucht?

Nachdem das quiekende Lachen der zahnlosen alten Parkplatzwächterin abgeebbt ist, kommt die Standardfrage eines jeden Asiaten: „Where are you from?“ Und plötzlich überrascht mich die unscheinbare Dame etwas, indem Sie meint: „Sie hätte nicht gedacht, das wir Deutschen so humorvoll wären.“ Wieviel Menschen hat diese Frau schon gesehen, um die Weisheit zu erlangen? Ich unterhalte mich noch eine halbe Stunde mit Ihr über die Besonderheiten der einzelnen Nationalitäten und die Charakterisierungen, die sie trifft, sind durchaus zutreffend, wenn auch klischeebeladen.

Diese Begegnung und natürlich Ulu Watu lässt ganz schnell das Bild wiederkehren, welches ich von Bali hatte. Freundliche und leicht zugängliche Menschen, mystische Religionszeugnisse in Form von Tempeln und eine gewisse Leichtigkeit auch im Kontakt mit anderen Mitreisenden. Und dies selbst im touristischen Süden der Insel.

4 – Flores

Flores liegt ca. 600 km östlich von Bali und ist mit einer Flugstunde von Denpasar gut zu erreichen. Die Insel hat ihren Namen von den Portugiesen. Auf dem Flug dorthin überquert man Lombok und Sumbawa. Leider zeigt sich Lombok überhaupt nicht. Unter einer dicken Wolkendecke kann man nur erahnen, wie hoch sich der Gunung Rinjani mit über 3.700 Metern über den Meeresspiegel erhebt. Wir fliegen über unzählige Inseln, kein Wunder, das Indonesien als der grösste Inselstaat der Welt gilt. Ebenfalls interessant: Ein Viertel aller Meeresriffe der Welt liegt in Indonesien. Ein Paradies für Taucher und Schnorchler.

Die Landung in Labuan Bajo ist dann mehr als ernüchternd. Losgeflogen bei 28 Grad und Sonnenschein, regnet es hier in Strömen. Das Flughafengebäude hat wohl Reinhard Mey zu seiner Wortschöpfung der Luftaufsichtsbaracke inspiriert. Beim Verlassen des Flugzeugs bekommt jeder Passagier noch persönlich einen Regenschirm in die Hand gedrückt. Auch die Gepäckausgabe ist sehr persönlich. Nur gegen Vorlage des Gepäckscheins wird die Reisetasche übergeben.

Im Hotel angekommen ist das schlechte Wetter auch wieder vorbei, Nebelschwaden ziehen feuchtschwül über die nahen Baumwipfel. Von der Unterkunft startet ein ca. 500m langer Treck auf eine Anhöhe, von der man eine wunderbare Sicht über den Bucht von Labuan Bajo haben soll (Sunset View). Na, das bietet sich doch an, kurz vor dem Abendessen noch einen kleinen Spaziergang.

Ich greife also meine Kamera, ziehe die festen Sandalen an und stapfe los. Die ersten zweihundert Meter sind noch teilweise asphaltiert und ständig nach oben gehend. Nach den 200 Metern wird der Weg wird der Weg doch etwas morastig. Ich bin schon gut durchgeschwitzt und möchte jetzt nicht noch meine Wanderschuhe holen. Dies war der erste Fehler.

Der zweite holt mich oben am Ausblick ein. Gut durchgeschwitzt und auf Grund der Lehmklumpen zehn Zentimeter grösser gebe ich ein hervorragendes Ziel für die bereits wartende Mückenarmada. Vor um mich schlagen komme ich nicht zum Fotografieren. Wie gut, wenn man Antibrumm dabei hat und im Hotelzimmer lässt.

Ich mache schnell ein paar Fotos, die Aussicht ist wirklich hervorragend und flüchte wieder ins Hotel. Natürlich nicht ohne zwei, drei Mückenstiche abbekommen zu haben. Das lässt mich die nächsten Nächte besonders ruhig schlafen, gilt Flores als nicht ganz frei von Denguefieber oder Malaria…

Labuan Bajo betitelte ein Mitreisender etwas später als „Drecksloch“. Nun, so weit würde ich nicht gehen, es hat durchaus seinen Charme, er erschliesst sich nur nicht jeden sofort. Eine Hauptstrasse, an der auch die meisten Lokale und Geschäfte liegen, sind etwas vom Hafen und Meer getrennt und eine Ansiedlung, die sich den Berg hinauf zieht. Die Verkehrsregelung ist entgegen des Uhrzeigersinn als Einbahnstrasse geregelt. Indonesien ist hier als Dritte-Welt-Land noch präsent. Ich verbringe etwas mehr als zwei Tage in der Stadt und plane so für den zweiten Tag eine Bootsfahrt zu einer der vorgelagerten Inseln.

Das Finden eines Bootes ist nicht so einfach, schliesst man sich nicht einer Reisegruppe an. Da ich am zweiten Tag etwas später dran bin, versuche ich mein Glück mit einer Bootsfahrt zur Insel Kanawi. Die im Hafen liegenden Boote sehen allesamt vertrauenserweckend aus, ich spreche einen „Handelspartner“ bezüglich meiner Pläne an. Nachdem ich einen akzeptablen Preis von 400.000 Rupien (ca. 35 Euro) für die Tagestour asugehandelt habe, werde ich auf ein Boot gebeten. Dieses sieht dann schon etwas kleiner aus, erscheint mir aber immer noch recht zuverlässig. Ich frage noch nach Schnorchelausrüstung und daraufhin läuft einer der Crewmitglieder los. In der Zwischenzeit unterhalte ich mich mit meinem Handelspartner über Möglichkeiten der Geschäftsbildung auf Flores.

Plötzlich geht alles sehr schnell. Ich muss dann noch einmal auf ein kleineres Boot umsteigen mit noch weniger Komfort und auch mein Handelspartner kann nicht mitkommen. Also bin ich mit Lu, der kein Wort Englisch spricht, und dem dauergrinsenden Kapitän auf dem Boot alleine unterwegs zur Insel. Von irgendwoher werden noch Flossen und Taucherbrille organisiert, die ich schnell mal eben überstreifen soll. Irgendwie kommt mir das Ganze dann doch nicht mehr so zuverlässig vor.

Wir fahren also ca. anderthalb Stunden raus auf Palau Kanawi, eine Insel inmitten der unzählig vorgelagerten Inseln, die zum Komodo-Nationalpark gehören. Kanawi ist deswegen so speziell, weil auf dieser Insel zwei Hügel zum Besteigen einladen. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Inseln. Ebenfalls soll die Insel mit einem wunderschönen Korallenriff umringt sein, welches sich zu erschnorcheln lohnt.

Was soll ich sagen, das Boot hat durchgehalten und die Insel hat bei Weitem übertroffen, was sie versprach. Wir gehen an Land und erfragen uns in der einzigen Unterkunftsmöglichkeit die Aufstiegsroute. Auf der Insel ist eine kleine Ansiedlung mit mehreren Hütten, die tageweise gemietet werden können. Eine kleine Bar sorgt für Unterhaltung und Verpflegung sowie für Tauchausflüge in der Umgebung.

Lu rennt die ersten hundert Meter auf den Hügel, als ob es kein Morgen gäbe. Barfuß ist er mir auf dem gerölligen Wanderweg hoffnungslos überlegen. Ich rette die Situation, in dem ich immer wieder Fotostopps einlege, um nicht zu weit zurückzufallen. Aber nach der Hälfte des Weges ist die Atmung meines Führers schon deutlich hörbar. Kurz vor dem letzten Hügelanstieg ist er dann auch durch. Ich lasse ihn für die letzten Meter zurück, erklimme den Hügel und halte erst einmal die Luft an.

Tiefblaues, ins Türkise schattierndes Gewässer. Ein Wolkenhimmel, der eine schier unermässliche Tiefe erscheinen lässt und ein 360 Grad Rundumblick mit einer Insellandschaft, die so lieblich daherkommt. Kurz fällt mir Ying und Yang ein, die Gleichung von Schwarz und Weiss oder Gut und Böse oder die Wetter in Mitteleuropa und hier im November. Man muss das Wetter in Europa kennen, um diesen Ausblick geniessen zu können. Dies mag ein Grund sein, warum Lu nicht meinen Ausführungen folgen kann, von den sprachlichen Problemen einmal abgesehen.

Das anschliessende Schnorcheln entpuppt sich als ein Besuch bei Nemo, unzählige Anemonenfische, aquariumähnliche Landschaften und Fischschwärme mit einer Farbenvielfalt, die jede Schwarzweissfotografie überflüssig macht. Hier bekommt man einen Eindruck, warum Indonesien von vielen Tauchern bevorzugt wird. Nach zwei Stunden Schnorcheln und Wanderung begeben wir uns wieder auf den Rückweg, die gekauften Coladosen heben die Stimmung der Besatzung doch merklich an.

Für den letzten Tag habe ich mir noch etwas Programm um Labuan Bajo zusammengebaut. Es soll in der Nähe des Flughafens eine Höhle geben, welche sich zu erkundigen lohnt.

Batu Cermin ist nach kurzer Fahrzeit erreicht, mein Guide Densi wird mich zur Höhle führen. Nach kurzer Wanderung stehen wir am Eingang eines Höhlensystems, welches gut und gerne zwei Stunden Besichtigung erfordert. Hoffnungslos unterschätzt bietet die Höhle wunderschöne Öffnungen zum umliegenden Dschungel, eine Tierwelt mit Fledermäusen, Spinnen und einer fossilen Schildkröte, Stalagtiten und -miten und interessante Felsformationen. Dieser Ausflug ist eigentlich ein Muß für jeden Floresreisenden. Merkwürdig, das er nicht so ausführlich beworben wird. Und auch nicht als besondere Sehenswürdigkeit auftaucht.

Der Nachmittag soll noch einmal einer Massage dienen, die mich für die anstehenden zweieinhalb Tage Bootsfahrt locker machen soll. Das YAM bietet laut Tripadvisor beste Massagemöglichkeiten. Nachdem ich am Vorabend schon mit einem Termin gescheitert bin, habe ich mir für den Nachmittag des Folgetages eine Stunde reserviert. Nach den bisher eher verspielten Massageeinrichtungen erwartet mich hier eine klinische Athmosphäre. Auch die Tatsache, dass ich nicht gefragt werde, welchen Geschlechts mein Therapist sein soll, macht mich noch nicht stutzig. Erst als die etwas härteren Hände ruppig meinen Rücken bearbeiten, weiß ich: „Ok, dies wird die medizinische Variante der indonesischen Massage…“ Irgendwie habe ich die Stunde, in der ich etwas härter angefasst wurde, ohne bleibende Schäden überlebt. Und jetzt bin ich wieder richtig locker für die anstehende Bootsfahrt (wohl auch aus Erleichterung, den Masseurhänden entkommen zu sein…).

5 – Eine Bootsfahrt, die ist lustig…

Ich betrete das Boot von Peramatours mit gemischten Gefühlen. Die Kabinen auf dem Plan weisen eigentlich eine Dreierbelegung pro Kabine aus. Ich rechne also fest damit, mit einem Pärchen meine Kabine zu teilen. Meine Befürchtungen sind allerdings unbegründet, ich habe eine Kabine für mich alleine. Allerdings wäre die Enge in dem 4qm „großen“ Raum auch bei zwei Leuten schon anstrengend gewesen. So geniesse ich eingecheckt in meinem Reich die Ankunft der weiteren Passagiere. Durchweg Westeuropäer, zwei Amerikaner und drei malaysische Männer teilen sich die Rückfahrt von Labuan Bajo nach Lombok.

Und dann gibt es sie noch. Ich hatte sie fast in Flores verdrängt. Die westdeutschen „Hab-ich-auch-schon-gesehen,-überall-gewesenen-und-alles-besser-wissenden“ Altersdurchschnittsteigerer. Hier in der Form des Urtyps: wohlstandsbäuchig, ungelenk und laut schnatternd (oder schon beschwerend?) schaffen sie fast nicht den Schritt von einem Meter von der Kaimauer auf das Vorschiff. Und diese Spezies trägt ihre Disqualifikation in Form eines Jutebeutels vor sich her. In grossen Lettern steht darauf für jeden Einheimischen zu lesen (und, Gott sei Dank, nicht zu verstehen): „SAMSTAG IST WIEDER GELDBADETAG“. Ohne Worte…

Bei dieser Show blicke ich in die Runde und sehe an den erschrockenen Gesichtern, wer der deutschen Sprache mächtig ist. Und glücklicherweise besteht der Rest aus den Passagieren aus durchweg netten und zugänglichen Menschen. Aber die Penetranz und Unerträglichkeit mancher Mitreisenden lässt sich auf einem Boot manchmal nicht übersehen.

Nach einer durchwachten Nacht fahren wir unser erstes Ziel an: Die Insel Rinca, die zum Komodo-Archipel gehört und auf dieser die Wahrscheinlichkeit lebende Warane zu sehen, relativ gross ist. Unsere fünfzehn Personen starke Gruppe schliesst sich also zwei Führern an, die zur Abwehr der Warane mit Holzstöcken ausgestattet sind. Rinca bietet mehrere Wanderungen an, wir entschliessen uns für eine mittellange Wanderung, um noch etwas von der Umgebung zu sehen. Doch schon nach dem ersten etwas anstrengenderem Hügel entfährt es unseren zwei Freunden aus der Geldbadefraktion, nachdem Sie mit weitem Abstand und laut schnaufend dem Schritt des jungen Guides nicht ganz stand halten konnten: „Wei ranning so kwik, wie wont tu si se nädscha“. Ganz eingeschüchtert entschliessen sich daraufhin unseres Guides, die mittellange Wanderung abzukürzen und direkt in das Flußdelta abzusteigen. Schade, war doch die Landschaft auf Rinca mehr als interessant und gerade hatten wir Höhe gewonnen.

Wir erreichen also das schattige Flußdelta und machen uns auf die Suche nach den Waranen. Wir sind noch nicht lange gelaufen, da erwartet uns ein erstes Männchen. Friedvoll liegt es mit seinen fast drei Metern unter einem Baum. Wenn man um die Gefährlichkeit dieser Tiere weiss, wundert man sich doch über den Mut der drei Malaysier, die für ein Foto relativ nah vor dem Tier posieren. Bislang ist noch kein Tourist gebissen worden, aber Einheimische können von Unfällen mit den Tieren berichten.

Bei einer Attacke eines Warans auf ein Opfer erreicht er für einen Biss kurzzeitig eine sehr hohe Geschwindigkeit. Dabei reicht ein Biss in das Bein um mit Vielzahl an Bakterien das Blut seines Opfers zu vergiften. Die Menge reicht aus, um einen Wasserbüffel zu töten. Nach Tagen oder Wochen ist das Opfer so geschwächt, dass mehrere Warane dann für den Garaus sorgen. Innerhalb von Stunden bleibt nur noch ein Skelett übrig. Warane sind ebenfalls Kannibalen. So suchen Jungtiere im ersten Jahr Schutz auf Bäumen. Während unserer Wanderung beobachten wir einen Waran, der bei der Attacke auf einen Wasserbüffel von diesem schwer verletzt wurde. Seine Zukunftsaussichten waren gleich null, da er am Auge verletzt war und dadurch zum Teil erblindet. Bewegungsunfähig wartet er und andere Warane auf seinen Tod. Wie gesagt, Warane haben bei der Mahlzeitbereitung Zeit….

Wir fahren zwei Stunden weiter in eine einsame Bucht der Nachbarinsel Palau Padar zum Schnorcheln. Das Revier hier ist wirklich wunderbar. Schildkröten, Riffe und eine Fischvielfalt laden hier zum stundenlangen Schnorcheln ein. Das Wasser ist allerdings durchsetzt mit kleinen Partikeln, die wie feine Nadelstiche piksen. Wie eine Art Miniquallen. Nicht unangenehm aber doch störend. Fragt man sich doch, in was dort gerade gebadet wird.

Für die weitere Reiseplanung habe ich noch keine festen Termine ausgemacht. Dies erweist sich als Vorteil. Mein Vorhaben, im Anschluß der Bootsfahrt auf den Gunung Rinjani zu steigen (immerhin eine zwei – dreitägige Unternehmung), erweist sich dann als nicht mehr durchführbar, da unser Boot offensichtlich einen schwerwiegenden Schaden hat. Die Wasserpumpe zur Kühlung des Motors ist hin. Dadurch ist auch der Boden in den Kabinen sehr warm und das Duschwasser nicht wirklich eine Abkühlung. Wobei die sanitäre Installation eher nicht wirklich zum Duschen einlädt. Toiletten und Duschvorrichtung sind auf den Schiffen eins und da Klopapier nicht über die Spülung entsorgt wird, liegt es in einem offenen Mülleimer, der beim Duschen durchaus in der Reichweite des Strahls liegt. Den Rest erspare ich dem gewogenen Mitleser.

Diese Unterbrechung wirft unser Geldbadetagpärchen komplett aus der Bahn. Fern der Heimat nun auf ein Schiff warten zu müssen, welches die ohnehin schon geschundene Urlaubsseele noch weiter malträtiert, ergiessen sie sich in den wildesten Anschuldigungen und Drohungen gegenüber der Reiseleitung. Ronny kümmert sich wirklich hervorragend, diesen Missstand nun nicht wirklich schlimm werden zu lassen. Nur leider kann er für die technischen Mängel auch nichts und steht jetzt bei den Terrouristen nun in der Zielscheibe. Wir anderen freuen über einen weiteren Tag in der Schnorchelbucht, kostenfreie Verpflegung (die auf dem Schiff wirklich hervorragend ist) und etwas Ruhe (der Schiffsmotor war doch arg laut).

Mit vierundzwanzig Stunden Verspätung steigen wir auf ein grösseres Ersatzboot und setzten unsere Fahrt nach Lombok fort. Endlose Inselketten ziehen vorüber, wunderschöne Lichtreflexe, Meeresfarben in allen Blautönen, ansprechende Gespräche mit den Mitreisenden, Kennenlernen und Kulturaustausch, Fotografiefachsimpelei und immer wieder wunderschöne Landschaften. Die weitere Reise vergeht wie im Flug, nur zwei Menschen auf dem Schiff vergraben sich in die Lektüre des mitgebrachten Fokus und diskutieren leidenschaftlich über die Vorteile der privaten Krankenversicherung.

Die weitere Schiffsfahrt wird nur noch unterbrochen von einem Kurzaufenthalt auf der Insel Mojo, welche zu Sumbawa gehört. Dort erwartet uns nach der Anlandung und einem kleinen Spaziergang, vorbei an Reisfeldern und durch ein Dorf, welches noch einen Eindruck über eine frühe Zeit der Kolonialisierung erhält, zu einem kleinen Wasserfall inmitten des Dschungel. Badegelegenheit und Attraktion durch ein Seil, mit welchem sich die einheimischen Jugendlichen tarzangleich in das Wasser stürzen. Sie haben sichtlich Freude daran, den Tourists ihre Kunststücke vorzuführen. Wir verlassen Mojo mit einem Gefühl der Armut, die der noch nicht eingesetzte Tourismus hier hinterlassen hat. Auf jeden Fall bleibt ein Charme zurück, der den Wunsch nach einem Wiedersehen weckt.

Wir erreichen Lombok in den späten Abendstunden. Das letzte Tageslicht erhellt noch den Anlegehafen Labuhan Lombok. Hier warten schon die verschiedensten Taxifahrer und Händler, die das Ausschiffen zum Spiessrutenlauf machen. Mein nächstes Ziel heisst Senggigi auf der anderen Seite der Insel und wird vom bereitstehenden Bus von Perama angefahren. Aus diesem Grund benötige ich keinen Transport. Dadurch habe ich trotz der Hektik die Möglichkeit, einen Blick auf unseren Empfang zu werfen.

Wie in vielen anderen Lebensbereichen ist der erste Eindruck entscheidend. So auch auf Reisen. Und dem ersten Eindruck von Lombok entspringt eine gewisse „Robustheit“ und „Rustikalität“, die von den Bewohnern und der Insel selber ausgeht. Seien es die Containerverladekräne, die unzähligen, rostigen Schiffe oder die Gesichter der Menschen. Eine deutliche Unterscheidung zu den Menschen von Bali oder Flores ist hier sichtbar.

Die Fahrt durch die Nacht über die Insel untermauert diesen Eindruck noch. Waghalsige, ja fast aggressive Verkehrsmanöver, Orte mit deutlich präsenten Moscheen, eine hohe Bevölkerungsdichte und weibliche Muslime, die mit ihren langen Gewändern gespenstergleich vom Scheinwerferlicht erhellt werden und kurz darauf wieder im Dunkel der Nacht verschwinden. Der erste Eindruck ist eher zwiespältig. Von alledem bekommt unser Geldbadetagpärchen nichts mit. Nach drei Tagen Gemeinsamkeit auf dem Schiff unterhalten sich die beiden immer noch über die oberflächlichen Themen der Heimat. So langsam fängt es richtig an zu nerven, konnte man ihnen auf dem Boot doch aus dem Weg gehen. Aber hier im Bus beglücken Sie sämtlich Anwesenden (und mittlerweile auch die nicht deutschsprechenden) mit ihrer Lautstärke und ihrem Drehen um sich selbst. Es immer wieder interessant, wie die schönste, interessanteste und aufregendste Landschaft vorbeiziehen kann und Menschen in Ihrer Welt verbleiben. Haben wir das Sehen und Staunen verlernt?

6 – Ach, Lombok

Durch die eintägige Verspätung ist der Gunung Rinjani nicht mehr machbar, würde ich nicht noch Tage auf Bali opfern. Dadurch plane ich neu und beschliesse, meinen Aufenthalt auf Lombok auf zwei Tage zu begrenzen und dort nur einen Schnupperaufenthalt einzulegen. Für den zweiten Tag plane ich eine kurze Rundreise, so das ich den ersten Tag nach meiner Ankunft nutze, um die Gegend um Senggigi zu erkunden.

Hier im Nordwesten der Insel ist eine sehr umfangreiche touristische Infrastruktur gegeben, nach den bisherigen Aufenthalten eine willkommene Abwechslung. Also erkunde ich die nähere Umgebung von Senggigi erst einmal zu Fuß. Dabei fällt mir die Verbundenheit der Einheimischen zum Meer auf. Es ist Sonntag morgen, und der Strand ist fast ausschliesslich von Lombokianern (heisst das so???) besucht. Einige wenige Touristen tummeln sich auf den Liegewiesen der Hotelanlagen, aber kaum jemand von Ihnen am Strand direkt. Hier kann man sich einfach nur hinsetzen und die Menschen und deren Schönheit beobachten.

Fussballspielende Jugendliche und Kinder, die an der Uferlinie herumtollen; Badende und Meerbetrachter. Ich hatte Eingangs des Kapitels über den robusten Charme der Insel im Vergleich zu anderen indonesischen Inseln geschrieben. Dieser robuste Charme zeigt sich auch in den Gesichtern der Menschen. Mir kommt es vor, als wären die Züge und der Mund deutlicher ausgeprägt als auf anderen Inseln. Auf jeden Fall ein Unterschied, der die Einwohner von Lombok kenntlich macht.

Der Schönheit der Menschen von Lombok tut dies aber keinen Abbruch. Es fehlt etwas die Lieblichkeit, dadurch tritt mehr Natürlichkeit hervor. Ich beobachte eine junge Mutter, die nachdenklich, ja fast traurig ihren Sohn beobachtet. Fast scheint die Schönheit und Tragik eine Aura aufzubauen. Die Linienführung des Profils, die Sitzhaltung und Anmut hat fast etwas Poetisches. Die Situation löst sich erst auf, als sie ihren Sohn nimmt, einpackt und einen Helm und (gegen die Abgasbelastung) einen Mundschutz aufsetzt. Wie ungerecht, verpackt die Umweltverschmutzung noch die schönsten Menschen.

Ich leihe mir einen Roller für den Nachmittag. Die Strassen von Senggigi erscheinen mir sicher genug, um einen kleinen Ausflug zu wagen. Da in Indonesien lediglich Mopeds mit mehr als 100 ccm existieren, bevölkern diese das Stadtbild. Die ungewohnten Kraftmeier sorgen immer wieder für Unfälle bei Touristen. Diese Erfahrung möchte ich natürlich nicht machen, deswegen ist Senggigi sicherlich ein gutes Trainingsgelände, wie sich herausstellt.

Lombok ist durchweg islamisch geprägt, trotzdem stehen einige hinduistische Tempel auf dem Eiland. Etwas südlich von Senggigi gibt es den Pura Batu Bolong, was übersetzt „Loch im Stein“ heisst. Und genauso ist dieser Tempel auch gebaut. Auf einem Felsen, in den die Brandung ein Loch (genauer eine Scharte) geschaffen hat. Aber dieser Tempel verdient seine Erwähnung noch aus einem anderen Grund. Auf einer Klippe gelegen, ist er sehr dem Wind ausgesetzt. Viele Figuren haben ihr Gesicht durch die winddurchsetzte Witterung verloren. Durch die vielen Nischen an den Altären bleiben aber die dort hinterlegten Opfergaben an Ihrem Ort. Zusätzlich sorgt noch ein Tempelwächter für die Sauberkeit der Anlage. Just nachdem ich die Aussicht genossen habe, wird hinter mir mit einem Spritzer Wasser „gereinigt“. Die Felsenlage und die vielen Nischen lassen diesen Tempel für Fotografen zu einem Quell der Motive werden.

Für den nächsten Tag miete ich mir ein Auto nebst Fahrer. Die Kosten für den Fahrer sind mit etwa 10 Euro mehr gut angelegtes Geld, die Verkehrsführung und -dichte sieht im Auto doch etwas anders aus. Die Tagesreise sollte eigentlich mehrere Ziele beinhalten, aber mein Guide überzeugt mich, dass weniger hier mehr ist. Selbst kleine Distanzen von ungefähr zwanzig Kilometern benötigen hier schnell eine Stunde. Schnell wird einem klar, dass mit einem Roller mehr Kilometer in der Stunde zu schaffen sind, als mit einem Auto. Allerdings nicht so komfortabel.

Ich besichtige zunächst den grössten Hindutempel von Lombok, den Pura Lingsar. Hier kann man mit gekochten Enteneiern Aale aus Höhlen hervorlocken. Dies soll dem Spender Glück bringen. Auf jeden Fall gelingt es meiner Aalanglerin dreimal die Aale hervorzulocken. Nach soviel Glück bin ich für eine sagenumwobene Wanderung durch die Gärten von Lombok am Fusse des Gunung Rinjani zu haben. Wir fahren also nach Tetebatu um uns mit Joe, einem dorfbekannten Guide zu treffen.

Joe ist geschätzte 1,50 gross und ca. 50 Kilogramm schwer. Sein verschmitztes Lachen sorgt gleich für augenzwinkendes Vertrauen. Also sollte man nicht alles so ernst nehmen, was er dort erzählt. Auch die Verhandlung des Preises für die Führung ist schnell abgewickelt. Normalerweise sind 10.000 Rupiah für die drei Stunden dauernde Wanderung genug. Er fängt also gleich bei 30.000 Rupiah an, um nach dem ersten Schmunzeln und Kopfschütteln auf 10.000 Rupiah einzugehen. Dafür kann ich mich schon einmal auf eine Verkaufsveranstaltung nach der nächsten gefasst machen.

Nach den Tagen auf dem Schiff und im Hotel freue ich mich mal auf ein etwas Bewegung. Wir gehen durch Reisfelder, über Kaffeeplantagen und durch dickstes Baumbestand. Nirgendwo endet aber die Zivilisation. Überall gibt es kleinere Häuser, Zäune um Gärten oder einen Weg. Es gibt Holzschmuck, Vanille und Reis zu kaufen. Ich mache jedesmal klar, dass ich eigentlich zum Wandern hier bin und nicht so viel tragen möchte. Nur bei der Vanille denke ich an die bevorstehende Weihnachtszeit und greife zu. Nach zwei Stunden kommen wir zum Höhepunkt unserer Wanderung. Stolz präsentiert er mir einen Wasserfall, der zugegeben schön liegt, aber mit gerade zehn Metern Fallhöhe nicht so spektakulär ist. Dafür wäre man ohne Führer bestimmt vorbeigelaufen.

Joe hat mir schon angekündigt, dass auch für den Wasserfall eine Donation fällig ist. Jetzt auf dem Rückweg stehen wir vor dem ersten Laden im nahgelegenen Dorf. Der Stelle, an der auch die Donation erbracht werden soll. Ich entschliesse mich, 20.000 Rupiah (zwei Euro) in die Dorfkasse einzuzahlen und will mich gerade ins Ladeninnere begeben, als Joe mich stoppt und meint, er müsse die Spende entrichten. Was jetzt kommt ist klar: Mit einem Strahlen, sichtbar guter Laune und einer Handvoll Zigaretten kommt er aus dem Laden und meint nur „Weiter gehts“. Genau, und einen schönen Gruß vom Dorfvorsteher.

Als er mein Schmunzeln vernimmt, ahnt er wohl, das sein Trick durchschaut worden ist. Um die Situation zu retten, bietet er mir noch eine Zigarette an. Pech für ihn, dass ich Nichtraucher bin. Ich frage ihn nur, die Antwort schon wissend: „Fifty Fifty?“ Wer kann diesem schelmischen Grinsen schon widerstehen.

Der letzte Punkt unserer Verkaufsfahrt durch den Süden von Lombok sind die Weberinnen von Pujut. Hier werden Sarongs noch handgewebt. Eine Besichtigung der Produktionsstätten lässt erahnen, wie mühsam und zeitaufwändig die Herstellung ist. Die Kommune wird ausschliesslich von Frauen betrieben, auch haben hier die Frauen im Dorf generell das Sagen. Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde ist die anschliessende Besichtigung des Verkaufsraums nicht ganz so schlimm. Schnell mache ich klar, dass leider mit keinem Umsatz zu rechnen ist.

Obwohl auf Lombok die Tourismusinfrastruktur noch nicht so weit ausgebaut ist als im Vergleich zu Bali, funktioniert die Verkaufsmaschinerie schon sehr gut. Jeder Guide auf dieser Fahrt will bezahlt werden, jeder Guide hat noch einmal weitere Unterhändler, die dazuverdienen wollen. Dies war bei einigen Führungen auf Bali nicht der Fall. So verlasse ich den Tag mit dem Gefühl, zwar viel gesehen zu haben, aber die Rechnung doch höher ausfällt, als vorher veranschlagt.

Für den nächsten Tag plane ich die Überfahrt nach Bali, Diese wird wieder mit dem bekannten Transportunternehmen Perama durchgeführt, nur habe ich zwei Optionen. Das Schnellboot, welches mich zwar mehr kostet, aber auch zweieinhalb Stunden eher da ist als die zweite Option. Die normale Fähre. Ich entschliesse mich für das Schnellboot, da ich mehr Geld als Zeit habe.

Gute Wahl. In der Zubringung zu meinem Fährhafen bin ich der einzige Passagier. Mein Fahrer hält an jeder Kurve auf dem Weg nach Norden, um mich die wunderschönen Ausblicke aufs Meer geniessen zu lassen. Da wir auch noch genug Zeit haben wird dieser Ausflug durch die palmenbewachsenen Strände zu einer wahren Augenweide. Jetzt, ganz zum Schluß, weiß ich, wo sich Lomboks Charme versteckt hat. Im Nordwesten an den Gilis.

Das Schnellboot selber sorgt für ordentlich Radau und Speed. Nichts für die zarten Gemüter, davon zeugen auch schon die unzähligen Spucktüten die noch unbenutzt sind. Die Überfahrt gestaltet sich als kraftstrotzendes Auf und Ab der Wellen. Nach 90 Minuten landen wir auf Bali und die eintretende Ruhe ist mehr als willkommen.

Ach, Lombok ist das Kapitel überschrieben. Es klingt fast wie ein Seufzer. Die Insel hat sich Mühe gegeben und sicherlich eine zweite Chance verdient. Insbesondere die zuletzt gesehenen Eindrücke im Norden lassen auf einen weiteren Blick hoffen. Aber die Wetterlaunen sind hier ausgeprägter und vieles, was auf Bali leicht fällt, erkämpft sich Lombok mühsam. Und diese Mühen sind vielerorts sichtbar. Mit diesem Gedanken verabschiede ich mich von Lombok und freue mich nun auf den intensiveren zweiten Blick auf Bali.

7 – Back to Bali

Es wird eine Liebeserklärung, so mein erster Gedanke an den Bericht über den zweiten Blick auf Ubud. Seitdem wir mit dem Schnellboot auf Bali gelandet sind, fühlt es sich wie Heimkommen an. Alles scheint vertraut, die Tempel mit den davor stehenden Bambusrohren, die freundlichen Menschen, die bunte Szenerie, ja, selbst der Regen fühlt sich weich und angenehm an.

Und so fahren wir in Richtung Ubud, nachdem wir in Padang Bay gelandet sind. Dieses Gefühl ist einfach nur zum geniessen. Fünf weitere Tage Bali, ohne Vorplanung, nur mit einer Idee, die Insel auszukosten. Trotz der bislang schönen Erlebnisse kommt hier auf der Fahrt nach Ubud Vorfreude auf. Und ich weiß, ich werde nicht enttäuscht. Nachdem Sanur die touristische Variante und die Neugier auf die südliche Halbinsel gestillt hat, möchte ich nun die Ecken finden, die nicht auf der touristischen Speisekarte stehen. Und dies wird auf Bali schwer genug.

Auf der Fahrt nach Ubud erwartet mich schon ein erster Eindruck, wählt unser Fahrer doch die sehr engen Strassen, um dem Hauptverkehr aus dem Weg zu gehen. Und, so denke ich, könnte eine Alternative für die letzten Tage aussehen. Ich interessiere mich nach meiner Ankunft im Hotel für eine Roller im benachbarten Massage-Salon. Gegen ein paar Daten auf einem Zettel und einer Unterschrift wechseln Schlüssel und Helm erstmal für einen Tag den Besitzer. Schon auf den ersten Metern habe ich mich an die Fahrweise auf Bali gewöhnt und es erwächst der Plan, weitere Tage mit diesem Gefährt mobil zu sein.

Durch das Schnellboot komme ich drei Stunden eher an, welches sich als enormen Vorteil erweist. Ich kann mich orientieren, Pläne für den Abend schmieden und nach den ganzen stressigen Tagen auch mal eine Stunde an den Pool legen. So erkunde ich anschliessend den Nordwestteil von Ubud, der mir bislang verborgen geblieben ist. Unmittelbar an die Häusergrenze reihen sich hier die Reisfelder, auch „paddies“ genannt. Leuchtendes Grün, strukturiert gleichmässiger Anbau der Pflanzen und Vogelscheuchen wechseln sich mit den gelben Resten abgeernteter Felder ab. Nur unterbrochen durch eine Palmenreihe oder einen Weg. Es ist ein Hochgenuss, bei 30 Grad durch diese Farbenorgie den kühlenden Fahrtwind zu spüren und sich ohne Ziel fortzubewegen. Hier ist einer schöner Tempel? Ich halte einfach mal und verbringe zwanzig Minuten zum Beobachten. Dort sieht mir die Strasse schöner aus? Ich wähle sie. Die Urbanisation wird zu dicht? Einfach links abbiegen. So verbringe ich den ersten Nachmittag um Ubud.

Die Kraftstoffreserven meines Rollers neigen sich langsam dem Ende. Die Tankstellen in Indonesien sind einfache Holzregale in denen in Ein- oder Zwei-Literflaschen Benzin angeboten wird. Man hält also an den Holzregalen und tankt mit zwei Litern „Absolute Vodka“ voll. Der Preis? Ein Euro. Traumhafte Zustände. Bedenkt man dann noch den Mietpreis für den Roller von fünf Euro pro Tag kommt man mit zehn Euro am Tag über die ganze Insel. Zudem ist man auch schneller, weil wendiger. Achtzig Prozent der Verkehrsteilnehmer sind Mopeds. An roten Ampeln gesellen sich diese links und rechts um die Autos, die diese notgedrungen akzeptieren müssen. Dadurch ist man schneller über die Verkehrsknotenpunkte hinweg, auch Überholen auf Landstrassen ist kein Problem. Man sollte sich nur beim Überholen das notorische „Hier-komme-jetzt-ich“ Gehupe angewöhnen, um auf sich aufmerksam zu machen. So ist auf den Hauptverkehrsstrassen ein „Konzert“ von startenden Mopeds, durchsetzt von Motorrädern mit kaputten Auspuff, im Crescendo hupende (weil überholende) Fahrer und im Bariton Busse und LKW’s, die jedem Feinstauballergiker für den nächsten Monat den Garaus machen würden. Hat man sich an dieses Konzert gewöhnt, weiß man sehr schnell, wie die Musik spielt und fühlt sich trotz Linksverkehr sicher.

Ich freue mich auf den nächsten Tag und plane, über Goa Gajah nach Klungkung zu fahren. Klungkung war im 18. Jahrhundert Ort blutiger Auseinandersetzungen zwischen den Balinesen und den Holländern. Lange Zeit ist diese Stadt Sitz der juristischen Institutionen gewesen und das Gerichtsgebäude konnte ich im letzten Jahr nur von aussen besichtigen. Da auch Goa Gajah noch nicht besichtigt wurde, entschliesse ich mich zu einem Besuch früh morgens, um den Massenströmen aus dem Weg zu gehen.

Die Fledermaushöhle Goa Gajah mit dem berühmten Elefantenkopfeingang ist noch relativ ruhig, als ich morgens anklopfe. Auch ist die Schar der fliegenden Händler, Führer und sonstigen Spiessrutenlaufbegleiter noch nicht bereit für diese frühen Gäste. Also parke ich meinen Roller direkt vor einem Polizeiauto (der beste Schutz, wenn man nicht kontrolliert werden möchte) und besichtige die Höhle. In der Tat ist sie kleiner, als die Berühmtheit vermuten lässt, die Ornamente am Höhleneingang und die Anlage mit den Fischbecken ist schon einen Besuch wert. Ich will gerade weiter, da fällt mir ein kleiner Weg auf, der vom Gelände weg in die dichte Bewaldung (kann man schon Dschungel sagen?) führt.

Nachdem man eine kleine Donation entrichtet hat, führt der Weg zu einem kleinem Waldtempel. Im nun schon dichteren Dschungel heben sich kleine Opfergaben bunt vom tiefgrün des Bewuchses ab. Absolute Ruhe und verwachsene Mauern lassen hier eine gewisse Mystik entstehen, und das ganze nur wenige Schritte von der Hauptattraktion entfernt. Ich bin alleine hier, habe alle Zeit der Welt und erkunde ein wenig die Gegend. Nach weiteren zwei Kilometern führt eine Treppe wieder nach oben in die nahegelegene Siedlung. Auch hier gibt es wieder etwas interessantes zu entdecken.

Riesige Opferfiguren stehen noch vom letzten Fest. Bei näherer Betrachtung sind diese Figuren komplett aus Lebensmittel gefertigt. Die Grundfigur ist aus einer Art Brotteig, die Verzierungen sind mit Farbe angemalte Gemüseteile. Interessant ist, das die ganze Sache zwar sehr trocken aussieht und hier und da einen Vogel interessiert hat. aber noch nicht verkommt oder schimmelt. Und dies bei 32 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit.

Die Gegend um die Fledermaushöhle hat weitere Tempel zu bieten, in vielen finden gerade Aufräumarbeiten statt. Offensichtlich komme ich wohl etwas zu spät. Trotzdem ist die noch vorhandene Farbenvielfalt allgegenwärtig. Interessant ist auch die Menge der Opfergaben. Es türmen sich zum Teil zwei Meter hoch Schalen, in denen sich die Gebinde, Räucherstäbchen und Lebensmittel befunden haben. Auch werden einzelne Gestecke noch für zukünftige Feiern aufbereitet und verwahrt.

Klungkung (oder auch Semarapura) ist Hauptstadt des kleinsten Bezirks von Bali und eine kleinere Stadt mit einer gewissen Bevölkerungsdichte. Der Garten um den offenen Justizpalast Pura Kerta Gosa hat zwei hüttenähnliche Gebäudeteile, die im Dachbereich martialische Gemälde aufweisen. Auf den Bildern werden dort religiöse Handlungen aus Geschichten wie dem Mahabharata oder Ramayana erzählt. Schon die etwas brutalere Variante und nicht immer ganz jugendfrei. Aber bunt…

Es ist später Nachmittag und ich fahre etwas früher zurück nach Ubud, da ich am Abend noch eine Legong Show ansehen möchte. Da ich schon eine Vorführung dieser Art erleben durfte, wähle ich heute abend einmal die Legong und Barong Variante. Die erste Hälfte des Programms wird von wunderschönen Tänzerinnen mit den für uns unbekannten Hand- und Fingerbewegungen und dem typischen (auf Bildern doch eher komisch erscheinenden) Augenrollen begleitet. Die Hauptdarstellerin ist diesmal keine (geschätzte) zwölf Jahre alt.

Der zweite Teil besteht dann aus einer Art Geschichtserzählung mit den wüstesten Kostümen. Durchaus furchteinflössend für die U14-jährigen Touristenkinder im Auditorium. Tänzerisch ist die Tier- und Fabelwesendarstellung durchaus sehenswert, hätte ich nicht zu Beginn Hanoman, dem weissen Affen, die Hand geben müssen. Auch sind die Kostüme sicherlich nach ein paar Vorstellungen restaurationsbedürftig, bei jeder heftigen Bewegung des Tänzers fliegen die Haare nur so davon.

Ich beschliesse diesen perfekten Tag bei Siam Sally, bei Live-Jazz-Musik und einem absolut schmackhaften thailändischen Gericht. So gut gestärkt beschliesse ich, morgen in den Norden nach Lovina zu fahren.

8 – Die Wiedererlangung der Freiheit

Es war eine lange Überlegung, eine schwere Geburt. Mittlerweile hatte ich die Dinge gesehen und erlebt, die ich sehen und erleben wollte. Alles was nun kam, war Zugabe. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, warum ich den Entschluss getroffen habe, das entspannende Nest in Ubud zu verlassen und nach Norden, nach Lovina zu fahren.

Die Eingebung kam irgendwann am Abend, ich buche schnell eine Unterkunft für die Nacht, packe ein, was in meine Tasche und in die Sitzbank passt (und dass ist nicht viel), verstaue meine grosse Tasche im Hotel und brause los.

Das Wetter ist besser als die Tage zuvor, und mit jedem Kilometer, den ich zwischen mir und Ubud bringe, werde ich mir sicherer, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Aufgrund der Erfahrung und der nötigen Ortskenntnis komme ich schnell auf den Weg nach Norden. Ich bin hier vor zwei Tagen schon gewesen, das Wetter ist nur besser.

So beschliesse ich einen erneuten Abstecher zu den Reisfeldern nördlich von Tabanan. Das Wetter tut mir den Gefallen und zeigt mir diesmal blauen Himmel und das Grün reifer Reisfelder in allen Nuancen. Die wunderschöne Strassenführung und der abnehmende Verkehr lassen die Strecke diesmal ohne Anspannung und Zeitdruck fahren. Alles erscheint noch eine Spur grüner, die Nuancierung der Töne erscheint noch diffiziler. Du musst dich schon anstrengen, bei dieser Schönheit der Natur den Mund zu schliessen, sollten nicht Insekten dein zweites Frühstück werden.

Der komplette Gegensatz zwanzig Kilometer weiter nördlich. Der Pura Ulun Dalem ist zwar wunderschön und wunderschön gelegen, aber absolut vertouristert. An der Hauptstrasse nach Norden gelegen, sind nunmehr die Parkreihen fertig, an denen die Touristenbusse dutzendweise und die Guides von Süden und Norden einfallen können.

Immer wieder erlebe ich bei den Tourismuszentren, das ein Helm manchmal echt wunder wirkt. Jeder durchläuft den Spiessrutenlauf von Händlern und Möchtegern Guides, aber mit einem Helm in der Hand geht man irgendwie leichter durch die Verkäuferriegen. Irgendwie nehmen diese den Rollerfahrer als nicht so geldwichtig, wie der Tourist, der aus dem Auto oder dem Bus steigt.

Ich lasse Pura Ulun Dalem hinter mir und wähle dieselbe Strecke, die wir im Vorjahr schon mit dem Auto gefahren sind. Der Bergkamm ist wiederum recht kühl, es ist neblig und wolkig. Trotzdem empfinde ich die beiden Seen schöner als im letzen Jahr. Genau das gleiche Prinzip, wie an den Reisfeldern von Tabanan. Kehre zu den schönen Orten mehrmals.

Ich fahre über Pässe mit wunderschönen Aussichten, durch Munduk, einer Art Basislager für Wanderer auf Bali, an den Reisfeldern der nördlichen Insel vorbei, bis ich wieder bei 31 Grad die nördliche Hauptstrasse nach Lovina und damit meine Unterkunft erreiche.

Der Tag war schon schön genug, ich freue mich auf einen Sonnenuntergang am Strand von Lovina. Kaum bin ich im Zimmer, passiert es. Ist es diese innere Stimme oder warum setze ich mich noch einmal auf den Motorroller? Es ist dasselbe Gefühl, wie schon Tage zuvor. Als würde eine innere Stimme mich leiten, mir sagen: Fahre nach Norden, fahre zum Tempel, an dem du vor einem Jahr warst.

Der Tempel von Anturan ist fast dunkel, nur die letzten Sonnenstrahlen erhellen die belebte Hauptstrasse. Hier hatten wir also das Glück, im letzten Jahr die Proben zur Zeremonie erleben zu dürfen und einen Abend später auch die Zeremonie selber. Für einen Moment zweifle ich erneut an meiner Intuition, zu skurril ist die Szenerie. Was tue ich hier eigentlich und warum habe ich den Weg unternommen, um jetzt vor einem leeren Tempel zu stehen?

Plötzlich steht Nyoman vor mir. Mit Sarong und Besen in der Hand erkennt er mich sofort. Ich frage noch unsicher: Nyoman? Da begrüssen wir uns schon mehr als herzlich. Kann dies Zufall sein, zweimal nach einem Jahr denselben Menschen mit derselben Herzlichkeit wiederzutreffen? Seitdem glaube ich nicht mehr an Zufälle, seitdem glaube ich an innere Stimmen.

Wir unterhalten uns vor seinem Haus bis in die Nacht. In den vier Stunden erzählt er über sein Leben, seine Arbeit, wie seine Kinder versorgt werden und über den schweren Unfall seiner Frau, bei der Sie nur aufgrund fehlender Geldmittel das linke Auge verlor. Ich erfahre etwas über Neid innerhalb der Gesellschaft und Zusammenhänge zum Hinduismus. Religion ist bei Ihm ein zentrales Thema, der Glaube lässt die Armut ertragen. Es hat sich ein kleine Unterkunft zusammengebaut, an der er nun ein Leben lang abbezahlt. Nichts besonderes, aber wie so viele in diesem Viertel mit ein paar Wänden, Strom und Wasser. Das reicht.

Es sind die Lektionen in Demut, die ich diesen Abend lerne. Diese Freundlichkeit, diese Gastfreundschaft, diese Offenheit und diese Zufriedenheit, die mir entgegenströmt. In absoluter Armut. Ich verlasse Nyoman und seine Familie, um ein Abendessen zu bekommen. Mit Respekt und Dankbarkeit für dieses Gespräch verabschiede ich mich.

Wie betäubt sitze ich danach vor meinem Essen und denke über die gerade gelernten Lektionen nach. Auf die vielen Fragen habe ich nun wirklich keine Antwort. Ich schaue noch einmal auf die Bilder, die ich zum Abschied geschossen habe und bin wieder über die Eindringlichkeit seiner Lebensfreude, Zufriedenheit und Fröhlichkeit beeindruckt. Ich lasse die offenen Fragen offen und denke über eine Antwort später nach. (Um ehrlich zu sein, der Lernprozess hält noch an).

Die Rückfahrt führt mich über den anderen, östlichen Weg nach Süden, ich fahre erst noch über Singaraja ein Stück die Uferstrasse entlang. Dort liegt auch mit dem Pura Maduwe Karang einer der grössten Hindutempel auf Bali, auf meinem Weg. Arli, mein Guide, erzählt viel über den Hinduismus, über die Tempelanlage und über die anderen Guides, die Ihre Gäste mit dem Auto vorfahren, falsche Aussagen zu der Tempelanlage treffen und sein Geschäft kaputtmachen. Ich erfahre viel über die hinduistischen Gottheiten Brahman (der Bewahrer), Shiva (der Geist) und Vishnu (der Schöpfer). Ich erfahre viel über die Farben schwarz, weiss, rot und gelb, die den drei Gottheiten zugeteilt wurden und warum die Tempel immer mit diesen Farben geschmückt werden.

Auch Arli verlasse ich mit einem komischen Gefühl. Zu arm, sein Leben bestreiten zu können, gibt er seinen Glauben unermüdlich an jeden Touristen weiter. Ohne jeden Zweifel über die Interessenlage des „Geführten“. Die Überzeugung zu seiner Religion ist schon beeindruckend, sein Lebenskampf (aufgrund seiner Behinderung und Krankheit) ist härter als alle Unwegbarkeiten, die uns begleiten. Lektionen in Demut, zweiter Teil.

Und dann wieder diese krassen Gegensätze. Ich befinde mich fünf Minuten später auf einer absoluten Traumstrasse mit vielen Kurven und Kehren, bei schönstem Wetter, meine Fahrt wird nur noch unterbrochen von Ausblicken auf palmenbewachsene Ufer und ein Meer, welches sich ohne Horizont mit dem Blau des Himmels vermischt. Irgendwie macht diese Insel deine Sinne frei.

Frei, die Schönheit des Tages erleben zu dürfen. Der kühlende Fahrtwind, die Augenblicke der Menschen in Südostasien, die immer mit einem Lächeln beginnen, die Vielfalt der Landschaft, der Farbenrausch. Aus diesem perfekten Jetzt entwickelt sich eine Dankbarkeit, die geteilt werden will. Und so erfährst du die letzte Lektion dieses Ausflugs. In dem Moment, in dem du deine Dankbarkeit, Demut und Lebensfreude in deinen Augen trägst, entwickelt sich die Eigenschaften zum Spiegel. Deine Umwelt nimmt dies sehr genau wahr. Zumindest hier in Asien.

Es sind die vielen kleinen, ungezählten, kurzen aber intensiven Begegnungen, in denen du dich austauschst. Der Tankwart, der Tempelguide, das Kind, welches dich beim Gang durch den Tempel begleitet, oftmals nur kleine Gesten, ein Lächeln oder ein Blick. Überall findest du die Lebensfreude, die in westlichen Zivilisationen zum Teil verloren gegangen ist. Meist ist es nur ein Blick im Vorbeifahren, der grazile Stolz der Frauen, die Unbefangenheit der Rollerfahrer, teilen sie sich doch zu Viert eine Sitzbank. Das Lächeln, wenn du vorbeifährst, die Zurückhaltung der Autofahrer und Abwesenheit von Hässlichkeit. Die Summe dieser Begegnungen und Eindrücke überwältigt dich.

Ich möchte nicht verhehlen, das natürlich auch auf dem Weg nicht jede Person deinen Blick spiegelt. Meist hängt dies mit dem „Verkaufen-Müssen“ zusammen. Oder sie sind eben Getriebene, wie z. B. das Kind, welches dir unbedingt die Postkarten verkaufen muss, damit es zur Schule gehen kann. Oder es sind andere Besucher oder Touristen, die einfach nur gelangweilt von den Tempeln sind und nur wieder auf Ihre Liege wollen.

Pura Kehnen wird der letzte Tempel an diesem letzten Tag auf Bali. Im Lonely Planet als wunderschöner, touristenfreier Ort der Ruhe verschrieen, macht er seiner Beschreibung alle Ehre. Etwas abseits der Touristenrouten und in Nähe des berühmten Pura Besakih verirren sich nur diejenigen hierhin, welche ein unbedingtes Interesse haben. Pura Kehnen muss erstiegen werden. Dafür sorgen ungefähr 40 hohe und steile Stufen. Es lohnt sich allerdings. Der Innenhof beheimatet eine riesige Platane, in der eine kleiner Baumtempel untergebracht ist. Die weitere Anlage hat dreizehn kleinere Tempel, ebenfalls wunderschön und doch grundverschieden sind.

Ich komme am frühen Abend in Ubud an und beschliesse, für den morgigen Abflugtag nur noch den Monkey Forrest auf die Liste zu setzen. Die Eindrücke der letzten zwei Tage waren so vielfältig, das muss sich erst mal setzen. Fast ein zweites Death by Reizüberflutung…

9 – Abschied

Der Monkey Forrest ist eine der Hauptattraktionen von Ubud und wurde von mir im letzten Jahr aufgrund der Touristenströme gemieden. Heute ist dies anders. Ich habe wieder einmal meine extragrosse Portion Bali bekommen, sogar etwas mehr, als erwartet. Also trete ich wieder in die Gemeinschaft der Touristen ein und freue mich auf die „wilden Tiere“.

Und ich werde gleich beim Eingang nicht enttäuscht. Jeder (!) Reiseführer, jedes Schild am Eingang und jeder Guide warnt vor der Aggressivität der Affen bei Futterentzug oder Spielereien mit demselben. Wenn es um das Fressen geht… Auf jeden Fall meint der Australier doch die dargereicht Banane im letzten Moment wieder zurückzuziehen. Dieses Spiel hat der Affe bestimmt zehnmal am Tag erlebt, greift er doch mit einer Schnelligkeit und Kraft das Handgelenk des „Ich-wollte-doch-nur-Spielenden“. Davon überrascht, zerkratzt er sich beim Rückziehen der Hand doch dieselbige.

Und natürlich, Schuld hat in diesem Fall der Affe, hat er doch sein Spiel nicht mitgemacht. Laut fluchend geht der Aussie nun auf den Makaken los, natürlich ohne jede Chance. Ein Blick in die Runde macht ihm dann auch sogleich die Peinlichkeit seines Handelns klar. Um diese zu überspielen, verlässt er die wildesten Flüche ausstossend den Park. Ist auch besser so.

Das Beobachten der Makaken und der Besucher des Monkey Forrest stellt den Fotografen vor ungeahnte Probleme. Nicht nur die Affen, auch die Besucher gebärden sich hier als wilde Tiere und damit als durchaus lohnende fotografische Motive menschlicher Primitivität. Die Rolle des äffelnden homo sapiens wird nicht nur allzu oft vom fragenden Blick des eigentlich wilden Tieres begleitet. Ich begnüge mich mit den Fotos von Affen, auch um Datenschutzproblemen aus dem Weg zu gehen. Für Fotostudien menschlicher Primitivität würden hier meine Speicherkarten nicht reichen…

Aber auch das Fotografieren der Affen ist ein sehr kurzweiliges und dankbares Unterfangen. In manchen Blicken zeigt sich eine frappierende Ähnlichkeit zum Menschen und man fragt sich beim Portraitieren unweigerlich, was fragt sich der Portraitierte gerade. Wahrscheinlich: Was soll dieser schwarze Kasten vor seinem Gesicht und kann man den essen?

Es ist auch hier wieder der Fall: Schon bevor das Taxi zum Flughafen ankommt, stellt sich das Fernweh zu dieser wunderschönen Insel ein. Viel zu früh und zu präsent. Es hilft nichts, verdrängen und nach vorne sehen. Nach fast 24 Stunden erreiche ich schliesslich am frühen Montagmorgen Deutschland.

Und wieder zeigt sich unmittelbar die räumliche Distanz in Ihrer kompletten Härte. Der klimatische, gesellschaftliche und schönheitliche Gegenpol zu Westeuropa liegt sechzehntausend Kilometer weit weg, auf der anderen Seite der Welt.

10 – Fazit

“Der Optimist erklärt, dass wir in der besten aller Welten leben, und der Pessimist fürchtet, dass dies wahr ist.”
~ James Branch Cabell

Diesmal ist es nicht der „Tod durch Reizüberflutung“, diesmal ist es wirklich der „zweite Blick“, der mich überwältigt hat. Es ist weniger das Fotoergebnis (welches trotzdem durchaus sehenswert ist), es ist mehr das ganze Zwischendrin, welches ich schon im ersten Bericht versucht habe, zu beschreiben, das die Schönheit dieser Reisen ausmacht. Und für das Fernweh sorgt.

Auch nehme ich hier zum ersten Mal das Wort des Reisens in den Mund. Dieses Gefühl hat sich lange nicht mehr in der Intensität eingestellt, wie in diesen zwei Wochen. Der ursprüngliche Zweck, das „Entdecken“, die „Neugier“ und das „Horizont erweitern“ wurde in diesen Tagen erstmals seit langem wiederentdeckt, geweckt und erweitert.

Danke, Indonesien.

 

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