Ach Afrika, diese stoische Melancholie im Augenblick


veröffentlicht 26. November. 2015

zitatSie waren auf dem Weg nach Sinamatella, ein kleines Camp im Hwange Nationalpark in Zimbabwe, und sie waren schon spät. In einer Stunde würde es dunkel werden, es ist immer gut bei Tageslicht anzukommen. Also gab er noch etwas Gas.

Im Fahrerhaus waren sie zu fünft, die Ladefläche sollte nur für den Notfall benutzt werden. Seine Frau und sein
e Mutter hatten die beiden Söhne auf den Schoss genommen. Irgendwie ging es. Sie waren schon im Nationalpark, es war nicht nicht mehr weit. Nur noch dreissig Kilometer.

Das Gröbste war geschafft, die schlechten Strassen Zimbabwes hatten sie hinter sich gelassen. Kein Schlagloch hatte ihre Reifen zerfetzt, noch hatte ein Raser oder ein Defekt ihre Reise unterbrechen können.
Die beiden Söhne waren schon mehrmals eingenickt und die Unterhaltung zwischen den beiden Frauen wurde mit dem näherkommenden Ziel immer gelöster. Sie unterhielten sich über ihre gemeinsame Zeit, ihre schönen Erinnerungen. Es wurde viel gelacht. Jetzt freuten Sie sich auf ein Wiedersehen in Sinamatella mit ihren Angehörigen.

Er saß jetzt seit sechs Stunden am Steuer, immer konzentriert. Das Auto hatte er noch einmal durchchecken lassen, es tat klaglos seinen Dienst und schnurrte über die Schotterpisten. Sie hatten die frühen Morgenstunden ausgelassen, um dem Schwerkraftverkehr aus dem Weg zu gehen. Dadurch würden sie spät ankommen. Das Tor zum Nationalpark hatten sie bereits geschafft, jetzt war Zeit genug für den Rest des Weges. Noch eine halbe Stunde bis zum Ziel, das ist leicht zu machen.

Doch dann passiert es…

 

 

Mukumbe war sechs Jahre in den Manapools verantwortlich für die Umgebung und das Management dieses einzigartigen Refugiums. Seinen Status als Weltnaturerbe hatte es mehr als verdient. Die Abgeschiedenheit des Parks im Norden von Zimbabwe, direkt an der Grenze zu Sambia gelegen, hatte die grösseren Touristenströme ausgelassen. Dafür waren die, die kamen, zahlungskräftig oder absolut naturverbunden und scheuten keinen langen Weg. Die Arbeit hatte ihm viel Freude bereitet, er liebte die Natur.

Jetzt war er seit zwei Tagen mit seinem Fahrer unterwegs. Sie hatten am Lake Karibu übernachtet und waren beide sehr müde. Morgen würde er seine neue Stelle in Sinamatella antreten. Nach sechs Jahren hatte ihn die Rotation getroffen. Die Qualität seiner Arbeit sollte jetzt in den Hwange Nationalpark getragen werden.

Sie waren schon im Nationalpark und fast am Ziel. Die Sonne hing tief, aber das letzte Licht liess Mukumbe melancholisch werden. Dieses Jahr liess die Regenzeit lange auf sich warten und die letzten Tage dieses Sommers hatten dem Nationalpark deutlich zugesetzt. Das, was er noch erkennen konnte, gefiel ihm nicht. Wo war das Grün der Manapools, der Wagen zog eine meterlange Staubfahne hinter sich her.

Er wusste, er wird die Pools vermissen. Dies war nicht seine Heimat. Diese Stümpfe, die mal Bäume werden sollten. Dieser Staub, der in jede Ritze kroch. Und der harte, steinige Boden, der nichts mit dem sandigen Untergrund seiner verlassenen Heimat gemein hatte. Er wurde immer stiller.

Sein Fahrer bemerkte seinen Mißmut über seine neue Heimat und versuchte ihn mit Scherzen aufzuheitern. Doch es war zwecklos. Also konzentrierte er sich auf das Fahren. Auf diesen steinigen Staubpisten konnte man schnell ins Schlingern geraten und sich überschlagen. Und das würde seine Stimmung erst recht nicht aufhellen.

Mukumbe hatte Verständnis für die Versuche seines Fahrers, ihn aufzuheitern. Schliesslich konnte er nichts für seine Versetzung. Und schliesslich war diese Gegend seine Heimat. Und je näher sie Sinematella kamen, um so tiefer sank Mukumbe in seine Jacke und wurde melancholischer. Und umso mehr hellte sich die Stimmung seines Fahrer auf. Es war die Geschichte vom Ankommen und Verlassen.

Seine Geschichte wurde jäh unterbrochen von der Szenerie, die sich nun vor den beiden auftat. Hier war etwas anders, als es sein sollte. Im Restlicht des Abends konnte Mukumbe fünf Einheimische und einen Weissen erkennen.

 

 

 

Es war schon spät und ich hatte noch Glück das Gate rechtzeitig erreicht zu haben. In den Beschreibungen zum Hwange Park stand nichts von einem Torschluss von vier Uhr. Aber wahrscheinlich war es diese Unwissenheit, die mich zielgenau und sehr entspannt um drei Uhr dreiundfünfzig den Wagen abstellen liess. Die Gatebedienstete war erstaunt, noch ein paar Überminuten leisten zu müssen.

Der Tag war voll gewesen. Ein Auto nach Zimbabwe einzuführen, zieht nahezu so viel Papierkram auf sich, als würde man einwandern. Es hatte fast eine Stunde gedauert, die Nerven anderer Reisenden lagen blank und es zeigte sich wieder einmal, wie wertvoll die Lektionen der Gelassenheit aus Asien gewesen waren.

Der Besuch der Viktoriafälle war ebenfalls überraschend schöner und eindrucksvoller gewesen, als erwartet. Hier hatte ich einiges an Zeit gelassen, die ich aber wieder gewinnen konnte, da ich glücklicherweise in keine der berühmten Polizeikontrollen und der damit verbundenen Diskussionen geraten bin.

Ein voller Tag also, jetzt scherze ich mit der Torwächterin und freute mich auf eine unerwartete abendliche Fahrt in den Sonnenuntergang, denn es sollten noch einige Kilometer bis Sinamatella sein.

Bislang war die Strecke staubig und schwarz gewesen. Ich hatte eine Kohlemine passiert und mein Auto sah dementsprechend aus. Aber die Freude auf Hwange war berechtigt. Es war die erwartete Steinwüste, mit einigen Baumansätzen. Die Strecke nach Sinamatella geht auf einer Kuppe entlang, die Abendsonne schien in mein Auto und der Park rauschte unter mir vorbei. Es war perfekt.

Bis diese Familie aus dem Nichts auftaucht.

Ich erkenne nicht sofort die Situation. Für einen Moment frage ich mich, warum hier Menschen im Nationalpark unterwegs sind. Bis ich hundert Meter weiter in der Kurve ihren zerstörten Wagen auf der Seite liegen sehe.

Es ist diese Traurigkeit, gepaart mit Apathie der Situation gegenüber, die den Moment bestimmen. Die Frau und ein Sohn bluten am Kopf und am Arm. Aber offensichtlich haben Sie Glück gehabt. Sie stehen einfach nur da und warten darauf, daß etwas passiert. Sie wissen, daß sie in Gefahr sind und Glück haben, jetzt noch ein Auto auftauchen zu sehen.

Die Stille, die diese Situation hervorbringt, ist unheimlich. Keine hektischen Bewegungen, keine lauten Stimmen, kein Flehen oder Jammern. Sie stehen einfach nur da. Ich frage, wie ich helfen kann. Sie wollen nach Sinamatella laufen. Zwanzig Kilometer, blutend durch den Busch. Und sie wollen es offensichtlich.

Ich möchte zumindest eine Person mitnehmen, damit sie Hilfe organisieren kann. Wir einigen uns auf die Mutter. Ich verteile mein Wasser auf mehrere Flaschen, die ich hinterlassen möchte, als plötzlich Motorengeräusche von der Strasse kommen.

Es gibt offensichtlich noch jemanden, der nach mir das Tor passiert hatte. Mukumbe und sein Fahrer steigen aus und klären mit fester Stimme sofort auf, was zu tun ist. Die Wunden müssen in Hwange versorgt werden, Mukumbe fährt mit mir nach Sinamatella und sein Fahrer bringt die Familie in medizinische Hände.

Dieser Entschluß löst den Schock und dann die Tränen bei den Frauen, während ihr Mann nur stumm steht. Als ob er für das Unglück die Last trägt. Der letzte Blick auf die Familie bleibt hängen. Endlich zeigen die Frauen eine Reaktion, während die Kinder immer noch stumm und ehrfürchtig sich ihrem Schicksal ergeben.

Die Traurigkeit der Geschehnisse fährt nun mit durch die einsetzende Nacht, durch die ich nun mit Mukumbe fahre. Er erzählt mir seine Geschichte und die Melancholie legt seinen Schleier über die einbrechende Nacht im Hwange.

In diesen Momenten spürst du die Vergänglichkeit des Glücks. Eben war der Augenblick perfekt, jetzt ist er voller Traurigkeit. Dazwischen liegt eine Kurve und ein Moment der Unachtsamkeit.

 

 

 

 

 

 

Schreib einen Kommentar...

%d Bloggern gefällt das: